„Geh malen – oder ins Revier!“ – René Phillips’ Werke machen Stimmungen spürbar

| Text: Gabriele Metz |

Öl, Acryl, Aquarell, Tusche oder Zeichenstift – mit allem versteht René Phillips virtuos umzugehen. Jagdliche Momente kreativ umzusetzen ist für den Jäger und Maler pure Passion. Dynamik, Leichtigkeit und Natürlichkeit prägen seine Werke, die subjektive Empfindungen auf faszinierende Weise widerspiegeln.

Mal großformatig in Öl oder Acryl gehalten. Aus Wasser geformt und zum Aquarell erhoben. Schwarz-weißer Zauber aus Kohle und Tusche. Oder mal federleicht in Silhouettenform. All das charakterisiert René Phillips, der die Kunst zu seinem ganz persönlichen Lebensgesetz erklärt hat. Wobei die Natur für ihn als leidenschaftlichen Jäger ebenfalls eine herausragende Rolle spielt. Er braucht einfach beides. Ohne den Ausgleich durch die Kunst und die Jagd macht sich bei dem ansonsten so ausgeglichen und fröhlich wirkenden Familienvater schon mal Unmut breit. Deshalb begrüßt es sein Umfeld geradezu, wenn er sich in solchen Momenten in sein Atelier oder ins Revier zurückzieht. Ob kreativer oder jagdlich geprägter Pirschgang: Das Ergebnis lohnt auf jeden Fall. Denn die Art und Weise, wie Phillips jagdliche Momente einfängt und dabei seine persönlichen Stimmungen transportiert, ist in der Tat bemerkenswert.

Schon als Kind verspürte er sie: die Leidenschaft für die Malerei. Und nicht nur das. Auch Bücher über die Jagd verschlang der junge René Phillips mit unbändiger Begeisterung. Zu Hause boten sich ihm dafür beste Voraussetzungen. „Mein Vater war Hobbymaler und pflegte eine große Passion für die Jagdkunst und -kultur“, erinnert sich der Grafikdesigner, der lange in seinem erlernten Beruf selbstständig tätig war. Doch die Entfaltung seiner künstlerischen Fähigkeiten ließ noch einige Jahre auf sich warten. Die ersten Alleingänge auf der Jagd und in der Natur entfachten schließlich das kreative Feuerwerk, das sich heute lebhaft in jedem einzelnen seiner Werke spiegelt. „Ich führte penibel ein Tagebuch, in dem ich Gesehenes und Erlebtes mit kleinen Skizzen untermalte. Später, als die Ausbildung und der Beruf in den Fokus rückten, war die Malerei für mich eine Art Ausgleich, um aus dem stressigen Alltag herauszukommen“, erzählt Phillips.

Der Fluss von Wasser, Farbe und Salz

Ob er eine Lieblings-Maltechnik habe? Der Mann, der ei-nen Rauhaarteckel und einen Westfalenterrier führt, überlegt nur ganz kurz und schüttelt dann entschieden den Kopf. „Getreu dem Leitspruch ‚Lex mihi ars‘ – die Kunst sei mir Gesetz – testete ich über Jahre hinweg fast alle Maltechniken aus und eignete mir jeweils das aus meiner Sicht Beste daraus an“, sagt Phillips. So könne er beispielsweise mit einem Acrylfarbengemisch aus Marmormehl, Grafit und Modellierpaste die rauen Strukturen von Felsen und Baumrinde erzeugen, um sie nach der Trocknung mit der leuchtenden Ölfarbe zu lasieren und die Feinheiten herauszuarbeiten. Der leidenschaftliche Jäger verwendet ausgesprochen gerne nasse Techniken wie Aquarell, Tusche oder Gouache. Warum? „Weil der Fluss von Wasser, Farbe und Salz immer neue Strukturen und Bildeffekte hervorzaubert“, sagt der 42-Jährige. Vieles hänge auch ganz einfach von seiner aktuellen Stimmung und der zur Verfügung stehenden Zeit ab. Muss es einmal schnell gehen, verwendet der Künstler die eher spontane nasse Form von Aquarell, Zeichentusche und Salz mit vielen Spritzern und Klecksen. Die großformatige Öl- oder Acryl-Malerei auf Leinwand benötigt hingegen weitaus mehr Zeit für die Trocknungsphasen. Folglich findet sich in seinem Atelier auf der Schwäbischen Alb eine Reihe von Werken, an denen er immer wieder nur wenige Minuten lang arbeitet, bis sie schließlich vollendet sind.

„Kunst fordert mich immer wieder neu!“

Als Autodidakt hat sich Phillips völlig frei in vielen Techniken versucht. Manches davon hat funktioniert und begleitet bis heute sein Schaffen. „Ich habe aber auch schon viel Lehrgeld zahlen müssen, und manches fast fertige Werk wurde in letzter Minute verworfen oder übermalt. Dennoch fordert mich die Kunst mit all ihren Facetten immer wieder neu und treibt mich an. Der Reiz des Neuen ist auch der Grund für neue Schaffenskraft“, betont er. Das Malen auf Naturmaterialien wie Holz, Steinplatten und Baumblättern stellte den Vater eines siebenjährigen Sohnes stets vor eine ganz besondere Herausforderung. Denn das bedarf der vorherigen Versiegelung eines Untergrunds, der Farben ansonsten aufsaugt wie ein Schwamm, bevor man ihn bemalen kann. Die „Federbilder“ stellen eine ganz eigene Kategorie dar, mit denen sich Phillips ganz bewusst neue Ziele gesetzt hat. „Hier versuche ich gemalte Silhouetten mit Federn der erlegten oder gesammelten Beute zu kombinieren“, erklärt er.

Persönliches Shangri-La

Phillips’ Atelier ist ein ausgebautes Dachstudio, in dem fast alle seine Werke entstehen. Hier findet der hauptberuflich als Teamleiter eines medizinischen Unternehmens tätige Jäger die nötige Ruhe, um sich fokussiert seinem kreativen Schaffen zu widmen. Der Dachboden ist übrigens weitaus mehr als nur Phillips’ Atelier. Er bezeichnet diesen Raum als sein persönliches Shangri-La, einen geradezu paradiesischen Ort. Früher zog es ihn manchmal auch mit Skizzenblock, Kamera und Spektiv hinaus auf den Ansitz. Doch heute setzt Phillips lieber einen klaren Fokus: entweder jagen oder malen. Und wenn er malt, dann vorzugsweise an einem Zeichentisch und nicht an einer Staffelei.

Beruf, Familie und die Jagd lassen mitunter wenig Raum für die Malerei. „Jedoch erkämpfe ich mir regelmäßig mei-ne Zeit, um kreativ zu sein. Zumal es mir meine Familie und der Freundeskreis offensichtlich anmerken, wenn es mich an den Zeichentisch oder in die Natur zieht. Wenn ich mal wieder grantig oder unausgeglichen bin, spricht meine Frau ein Machtwort und entlässt mich mit dem Satz: ‚Geh malen – oder ins Revier!‘. Wenn ich dann nach Stunden der Einsamkeit und Selbstbesinnung zurückkehre, bin ich ein neuer und zufriedener Mensch“, schmunzelt Phillips, der sich in den letzten Jahren tatsächlich dazu gezwungen hat, täglich ein Aquarell zu malen, um dadurch an Praxis und Professionalität dazuzugewinnen.

Eigentlich liebt Phillips alles, was in der Natur kreucht und fleucht. Dennoch häufen sich manche Motive wie beispielsweise Reh und Fuchs, die dem Jäger einfach am nächsten sind und ihm häufig begegnen. Doch auch Raufußhühner wie Auer- und Birkhahn nehmen einen ganz besonderen Platz in seiner Kunst ein – selten erschaute Motive, die jedoch einen hohen künstlerischen Reiz ausüben. Wie auch Rotwild, Gams und afrikanisches Wild.

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