Hvalrosodden – auf den Spuren der einsamsten Jäger und Trapper in Grönlands Nordosten

| Text: Jonas Nørregaard |

Eine Geschichte über Einsamkeit, Not und eine überwältigende Natur – aus einer Zeit, als Fallensteller und Jäger in den entlegensten Regionen der Welt ihrem Handwerk nachgingen.

Ob man nun nach Neuseeland reist oder ob man auf eine Safari in Afrika oder irgendeinem anderen exotischen Erdteil spart – der Drang, auf Jagdreise zu gehen, ist wohl jedem Jäger bekannt.

Im September des Jahres 1919 erbaute die „East Greenland Company“ (später „East Greenland Fishing Company NANOK“) eine Hütte, und zwar am nördlichsten Punkt der Dove Bay, einer Bucht direkt an der Mündung des Lakseelven. Sie liegt gut 50 km westlich von Danmarkshavn, wo Mylius-Erichsen einige Jahre zuvor auf seiner schicksalhaften, wenngleich erfolgreichen Expedition überwintert hatte, um den letzten unerforschten Teil Grönlands zu kartografieren.

Junge dänische Abenteurer hatten die Hütte erbaut, Männer, denen die Jagd und die Fallenstellerei im Blut lag. Der Ort war dafür strategisch gut gelegen. Zum einen gab es Walrösser am Strand, daher wurde die Station auch „Hvalrosodden“ – „Walross-Spitze“ – genannt, zum anderen bot der Fluss reichlich Saiblinge. Das flache Hinterland der Station, nach Westen dem Mørkefjord zu und nach Norden Richtung Germanialand, war ideal für die Jagd auf Füchse geeignet. Genau deswegen zog es junge Männer aus Dänemark und Norwegen hierher: Fallenjagd auf weiße und blaue Polarfüchse, deren Felle damals im europäischen Großbürgertum heiß begehrt waren.

Am 100. Jahrestag der Erbauung von Hvalrosodden reiste ich mit meinen beiden guten Freunden Henrik und Torben für eine vierwöchige Expedition an diesen geschichtsträchtigen Ort im hohen Norden. Wir wollten diese schöne alte Trapperstation restaurieren, renovieren, um sie für die Zukunft zu sichern.

Die NANOK ist heute eine Non-Profit-Organisation, deren Mitglieder vornehmlich Veteranen der Sirius, der Fernspäh-Hundeschlitten-Einheit der dänischen Streitkräfte, sind. Dazu gesellen sich noch einige andere, die über besonders große Erfahrungen mit Ostgrönland verfügen. Gemeinsam mit dem Greenland National Museum und den Aage V. Jensen-Stiftungen zeichnet die NANOK für die Erhaltung und Pflege geschützter Fischfangstationen und -hütten im nordöstlichen Grönland verantwortlich.

Weit, weit fort

Eine Hercules brachte uns vom dänischen Aalborg nach Mestersvig in Grönland. Die Armee, besonders das Arktis-Kommando, unterstützen die NANOK mit wertvoller logistischer Hilfe, da die Sirius auf ihren Patrouillen immer noch die alten Fangstationen als Stützpunkte nutzt und daher Wert auf deren guten Zustand legt.

Von Mestersvig ging es noch mal drei Flugstunden weiter nach Norden, diesmal mit einer kleinen Twin Otter mit für die Tundra geeignetem Spezialfahrwerk. Ich musste an die jungen Abenteurer von damals denken, die vor 100 Jahren per Segelboot abgesetzt worden waren, ohne Kontakt zur Außenwelt, und die wenig bekommen hatten außer einem Handschlag und dem Versprechen, dass man sie in ein oder zwei Jahren wieder abholen würde.

Diese Jäger hatten keine Funktionsbekleidung, keine warmen Schlafsäcke und kein Satellitentelefon. Ihre Ausrüstung bestand aus einigen Hunden, ein paar Büchsen im Kaliber .30-06, Fischnetzen, viel Kohle und den paar Werkzeugen, die es braucht, um alles Notwendige vom Schlitten bis zur Falle selbst herzustellen.

Wir dagegen führten Baumaterial und moderne Ausrüstung mit uns und dazu noch zwei Signalpistolen und einige Gewehre – die aber nicht für jagdliche Zwecke. Das hier ist Nationalparkgebiet, da ruht die Jagd schon seit vielen Jahren. Die Sirius-Patrouillen schießen gelegentlich ein paar Robben für ihre Schlittenhunde, und die örtliche Bevölkerung in Scoresbysund, der nördlichsten Siedlung in Ostgrönland, darf im Rahmen eines begrenzten Abschussplans Wild erlegen. Unsere Gewehre dienten lediglich dem Selbstschutz vor den vielen Polarbären, die in der Dove Bay leben.

Trotz umsichtiger Planung und im sicheren Glauben, dass wir nur das absolut Notwendigste mitgenommen hatten, mussten wir dennoch alle nicht genutzten Sitze aus der kleinen Twin Otter ausbauen, um den Vogel überhaupt in die Luft zu bekommen. Nach rund 800 km kam dann endlich Hvalrosodden in Sicht. In der gewaltigen Einöde Grönlands war die kleine Hütte kaum zu sehen. Sie sollte für die nächsten vier Wochen unser Zuhause sein.

Bärensorgen

Der Pilot setzte das Fahrwerk weich auf der Schotterebene auf, die sich südlich vor Hvalrosodden erstreckt, und ließ den Flieger vor der Hütte ausrollen, bis ein großer Felsbrocken das Weiterkommen behinderte. Gemeinsam luden wir aus, dann schoben wir das Flugzeug mit vereinten Kräften frei. Als wir der Maschine nachwinkten, die als kleiner Punkt am Horizont verschwand, senkte sich eine eigenartige Stimmung herab.

Die Stille war voller Lärm, die Luft unermesslich frisch und rein, und wieder wanderten die Gedanken zu den Jägern, die einst der „Veslemari“ nachwinkten oder einem anderen der legendären Schiffe, die sie hierhergebracht hatten, damals, vor so langer Zeit.

Wir wollten aber nicht länger träumen und machten uns umgehend daran, die alte Station zu erkunden. Das Innere der Hütte bot einen üblen Anblick: Die kleine Werkstatt war von einem hungrigen Eisbären heimgesucht worden, der das Dach, die Wände und die Balken verwüstet hatte. Der Raum war ein einziges Chaos: Angekaute Farbeimer lagen herum, Nägel und Schrauben, altes Werkzeug und dazwischen einige Bärenhaufen.

Der Wohnraum bestand aus zwei Bänken, einem kleinen Tisch und einem Kohleofen. Auf den rohgezimmerten Regalen lagen Patronenschachteln, Schädel und andere Sammlerstücke, die die Jäger in den Jahren zwischen 1919 und 1950 hier hinterlassen hatten.

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