„Ich möchte, dass Menschen darüber nachdenken, was auf ihren Tellern liegt“

| Text: Redaktion |

Als Kind war die Engländerin Rachel Carrie eine Zeit lang Vegetarierin. Das änderte sich, als ihr Vater sie mit zur Jagd nahm. Mit ihrem Buch „Game & Gatherings – The Cook Book“ rückt sie die Vorteile von Wildbret als nach-haltiges, gesundes und leckeres Lebensmittel in den Vordergrund.

Wie wurden Sie Vegetarierin, und was hat Sie bewogen, doch wieder Fleisch zu essen?

Rachel Carrie: In den frühen 90ern – es war die Zeit, in der sich Tierrechtsaktivisten undercover auf Höfen einschleusten – habe ich eine Dokumentation gesehen. Darin ging es um die grauenhaften Bedingungen, unter denen Tiere auf solchen Höfen gehalten wurden, und seitdem habe ich mich geweigert, Fleisch zu essen. Meine Mutter ist auf meine vegetarischen Essenswünsche ganz gut eingegangen, wenn man bedenkt, dass wir drei Geschwister waren und nicht sehr viel Geld hatten.

Im selben Jahr hat mich mein Vater mit auf Kaninchenjagd genommen (und ich frage mich bis heute, ob es wohl dem Zweck dienen sollte, die Vegetarierin in mir auszutreiben). Ich war verrückt nach Tieren, und er lockte mich, indem ich mich um die Frettchen kümmern durfte. So konnte ich genau sehen, wo unser Essen herkam und wie damit umgegangen wurde. Danach war es für mich wieder okay, Fleisch zu essen – allerdings habe ich nur die selbst erlegten Kaninchen gegessen und kein gekauftes Fleisch aus dem Supermarkt. Ich habe nur das Fleisch gegessen, das ich vorher sozusagen lebendig gesehen habe, von dem ich wusste, dieses Wildtier hatte zuvor ein gutes Leben. Diese Einstellung begleitet mich seitdem.

Kam bei Ihnen schon immer Wildbret auf den Teller – von der vegetarischen Zeit einmal ab-gesehen?

Rachel Carrie: Mein Vater hat früher als Schrotthändler gearbeitet, und deshalb waren oft die Bauern aus der Gegend bei uns. Sie haben einen Sack Kartoffeln und ein paar Fasane gegen ein Ausbauteil für ihren Traktor getauscht.

In meiner eigenen Küche begann ich mehr Wildbret zu verwenden, als ich als Mittzwanzigerin allein-erziehend war und angefangen habe, Tontauben zu schießen. Ich besaß ein Gewehr, ein kleines Stück Land mit Tauben und Kaninchen, und so habe ich gelernt, Wild zu schießen und zuzubereiten. Eine Patrone kostete 25 Pence, von meinen Nachbarn bekam ich frisches Gemüse aus dem Garten, und so konnte ich gesunde und nachhaltige Gerichte für meinen Sohn und mich zubereiten – für wenig Geld.

Heutzutage sind den Menschen die ethischen, gesundheitlichen und umweltrelevanten Aspekte ihrer Ernährung viel wichtiger als früher. Wie kommt Wildbret dabei weg?

Rachel Carrie: Durch meinen Job als Umweltberaterin für Nahrungsmittelhersteller sehe ich aus erster Hand die unmittelbaren Folgen von Massentierhaltung. Das ist einer der Gründe, weshalb ich Wild esse, vor allem Wildbret von Reh- und Damwild. Deren Population ist hoch wie nie, und entsprechendes Management ist wichtig für unser Ökosystem. Wildbret ist zudem viel gesünder als „herkömmliches“ Fleisch, da es fettärmer ist und mehr Proteine, Mineralien und Vitamine enthält.

Kochen Sie nach Rezept, oder improvisieren Sie gerne?

Rachel Carrie: Als berufstätige Mutter habe ich nicht viel Zeit, und Gerichte zu planen ist nicht gerade meine Stärke. Ich mag es überhaupt nicht, Lebensmittel wegzuschmeißen, sodass ich oft etwas aus Resten koche. Daraus sind schon viele interessante Gerichte bei mir entstanden. Ich werde auch gerne kreativ, wenn ich nicht gerade alle benötigten Zutaten für ein Rezept im Haus habe. Einfache Rezepte sind mir wichtig, und der Fokus liegt auf Wildfleisch – das gelingt immer.

Was raten Sie jemanden, der seine Kochkünste verbessern möchte?

Rachel Carrie: Ich empfehle unbedingt, einen Zerwirkkurs zu besuchen. Ich mache das gerade bei José Sauto in London. Ich finde es wichtig, das ganze Tier zu verwerten, und mag es nicht, wenn sich Leute lediglich die Brust von Federwild oder das beste Stück vom Reh herauspicken. Einige meiner leckersten Gerichte enthalten Innereien und „Schnittabfälle“ vom Wild.

Was ist Ihr liebstes Wildgericht?

Rachel Carrie: Wildbret passt erstaunlich gut zu fruchtigem Salat. Ich liebe es, neue Kombinationen mit Früchten zu kreieren, zum Beispiel mit Feigen und Birnen, die dann auf dünn aufgeschnittenes, kurz gebratenes Wildbret kommen.

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