Ins Feuer zurückgeflüchtet
| Text: Ilka Dorn |
Mehr als 50 Jahre nach den Waldbrand-Katastrophen von 1975 sind die damaligen Eindrücke bis heute präsent. Auch bei jüngeren Großbränden berichten Jäger, Förster und Feuerwehrleute übereinstimmend von den dramatischen Auswirkungen auf die Tierwelt und dem oft rätselhaften Verhalten flüchtender Wildtiere. HALALI-Autor Peter Burkhardt bündelt diese Beobachtungen und Erfahrungen.
Wenn mein Vater über die Geschehnisse im Jahr 1975 berichtete, sprach er nie über Waldbrände, sondern stets über „die Waldbrand-Katastrophen“. „Waldbrand“ schien ihm als Begriff nicht angemessen. Als Polizeibeamter begleitete er das Geschehen über viele Tage. Da er als Funker und Fahrer in einem Einsatzleitwagen der Polizei mit dem Kommandeur unterwegs war, kam er weit herum, besuchte diverse Einsatzstellen und war über Funk stets über die Entwicklungen informiert. Natürlich – die Formulierung „Waldbrand-Katastrophen“ kommt ja nicht von ungefähr – berichtete er bewegt über die Todesfälle in diesen Tagen und schimpfte über das politische und kommunale Kompetenzgerangel, durch das Menschenleben sowie Sachwerte wie Häuser und Wälder unnötig gefährdet worden seien.
Jahre vergingen. Ich trat 1985 gerade ein sogenanntes einjähriges Fachhochschul-Praktikum Forstwirtschaft im Kammerforstamt Osnabrück an und erwarb in diesem Jahr auch meinen Jagdschein. Ob es an den Themen Forststudium und Jagdschein gelegen hat oder daran, dass sich das Katastrophenjahr zum zehnten Mal jährte, weiß ich bis heute nicht: Bei meiner Rückkehr überreichte mein Vater mir jedenfalls zahlreiche alte Zeitungsausschnitte aus der (Jagd-)Presse, ein zweiseitiges Funk-Protokoll sowie seine Waldbrand-Medaille. Erst dann erzählte er mir in mehreren Gesprächen, wie ihn damals die Bilder des ins Feuer zurückflüchtenden Wildes berührt hatten. Was war geschehen, was hatte auch er beobachten müssen?

Bis auf die Knochen verbrannt
Der Wildbiologe Andreas David fasste in einem Beitrag im Gatower Samtgemeinde-Boten zusammen, was nicht nur mein Vater erlebt hat: Zunächst beschrieb David Reaktionen des Rotwildes. „Zu Beginn des Feuers wurde beobachtet, wie die Rudel schon lange vor Herannahen der Feuerfront den Gefahrenbereich verließen, ohne dabei über größere Entfernungen auszuweichen. In der Südheide blieb das Rotwild vielfach sogar in seinen Einstandsgebieten, auch wenn diese großflächig bis auf die Stämmchen der Kieferndickungen vernichtet waren und Äsung völlig fehlte. Das Wild erlitt dabei schwere Verbrennungen an den Läufen. Am neunten Tag nach Beginn der Katastrophe fanden von Bothmer und seine Helfer auf teilweise engem Raum Rudel von zehn bis 30 Stück – in der Asche sitzend oder stehend in den verbrannten Dickungen. In diesen Verbänden waren gesunde und brandgeschädigte Tiere vereint.
Die Fluchtdistanz des völlig erschöpften Wildes lag bei etwa 30 Metern. Die Individuen mit den schwersten Verletzungen wurden erlegt. Die Stücke waren weitestgehend dehydriert, im Wildbret ‚trocken‘, die Decke war wie Leder und der Verdauungstrakt enthielt eine schwarzwässrige Flüssigkeit. Im Extremfall waren die Läufe des noch flüchtenden Wildes bis auf die Knochen verbrannt. Das verbliebene gesunde Wild verließ das Brandgebiet auch später nicht. Es hielt die alten Wechsel ein, die wie ein graues Grabensystem die verkohlte Landschaft durchzogen, und wurde angesichts der völlig fehlenden Äsung zeitlich begrenzt gefüttert. Der Rotwildbestand in dem durch von Bothmer beschriebenen Gebiet wurde damals auf etwa 250 Stück geschätzt. Verbrannt gefunden wurden vier Tiere, 61 Stück wurden nach dem Feuer mit Brandverletzungen erlegt.
“Was veranlasste das Wild zu diesen (Nicht-)Reaktionen? Deckungsgleich berichten mein Vater und David vom Lärm des Feuers, insbesondere der „explodierenden Kronen“, der Panzer, Löschfahrzeuge, Raupen und der Einsatzkräfte. Diesen Klangteppich beschrieb mein Vater mit „zum Teil infernalischem Lärm“ und ergänzte: „Auch Rehwild, Hasen und Füchse flüchteten zum Teil völlig kopflos. Diverse Tiere, plötzlich mit der Kette der Einsatzkräfte und deren Maschinen konfrontiert, blieben unschlüssig stehen, um dann in das Feuer zurückzufliehen.“