Jagd auf die Marmorierte Forelle in Slowenien

| Text: Armin Liese |

Eine Motorradreise auf den Balkan – mein lang gehegter Traum wird endlich wahr. Nichts gebucht, kein fester Plan, nur ein Ziel: einmal an der Soča in Slowenien eine Marmorforelle mit der Fliege überlisten. Ansonsten immer der Nase nach gen Süden.

Es ist Anfang Mai, als ich mich vom Rheingau aus auf den Weg nach Süden mache. Ein Jobwechsel ermöglicht mir die geplante einmonatige Tour. Der Gedanke, den Balkan zu bereisen, entstand während eines Motorrad-Trips mit meinem Freund Steffen vor rund fünf Jahren in den Masuren – eine herrliche Landschaft, fast wie Südschweden, nur viel mehr Platz und mindestens die Hälfte günstiger, dazu jede Menge unberührte Natur. Einzig die Erfolge beim Angeln waren damals sehr bescheiden.

Doch jetzt soll sich alles ändern – an der Soča, von der so viele Petrijünger schon berichtet haben. Auch bei den Paddlern ist der Gebirgsfluss schon lange kein Geheimtipp mehr: türkisblaues, bisweilen etwas milchiges, eiskaltes Wasser. Darin lebt die Marmorforelle, Salmo marmoratus. Bis zu 120 Zentimeter, filigran gezeichnet, ein wahrer Edelstein unter den Fischen. Und sie kann über 20 Kilogramm auf die Waage bringen.

Aufbruch mit Verspätung

Aufgrund eines Bänderabrisses am rechten Sprunggelenk Mitte April war mein Knöchel so dick, dass ich in keinen Motorradstiefel mehr hineinpasste. Ich musste mich also mit dem Aufbruch noch so lange gedulden, bis der schwere Motocross-Stiefel endlich wieder saß. Und außerdem musste ich absolut sicher sein, dass ich im Zweifel mein kippendes Motorrad würde auffangen können.

Mit kleinen Zwischenstopps in Stuttgart und dem Allgäu empfängt mich Österreich mit Dauerregen bei gerade einmal 10 Grad. Am Zeller See liefert Booking keine bezahlbaren Ergebnisse. Doch der Gedanke, dass ich über die Großglockner-Hochalpenstraße reisen könnte, erheitert mein Gemüt. Kurzum fahre ich – von dem von allen Seiten kommenden Wasser bis auf die Haut durchnässt – immer weiter in Richtung des spektakulären Alpenpasses. Ein warmes Bett im Hotel, ein leckeres Abendessen und ein erholsamer Schlaf fanden sich zum Glück auf der Anfahrt. Voller Vorfreude starte ich am nächsten Morgen mit einem Blick aus dem Fenster in den neuen Tag. Jedoch stellt sich bei einem Anruf an der Mautstation heraus, dass offensichtlich so viel Schnee in der Nacht gefallen ist, dass die knapp 50 Kilometer lange Panoramastraße für Zweiräder gesperrt wurde.

Wenn man nichts geplant hat, gibt es auch keine Enttäuschungen! Daher umfahre ich den Pass und mache mich auf den Weg zu meinem einzigen, wirklich fest anvisierten Ziel: der Soča in Slowenien. Ein Freund aus Stuttgart empfahl mir einen Campingplatz, an dem er vor einigen Jahren mit der Familie begeistert Urlaub gemacht hatte. Dort angekommen, ist tatsächlich fast gar nichts los – menschenleer, ein eindeutiges Zeichen, dass die Saison noch nicht begonnen hat.

Slowenien gehört zur EU, daher kann ich mein Handy – wie von zu Hause gewohnt – für eine schnelle Recherche nutzen. Zwei Dinge brauche ich für meinen Traum, eine Marmorforelle zu fangen: 1. Einen Angelladen für Leihausrüstung und 2. Einen Angelguide für den Erfolg. Diese Kombination suche ich, und ich möchte gerne in ein kleines Städtchen, um ein paar Einheimische kennenzulernen: Das rund 30 Kilometer flussabwärts gelegene Tolmin wird kurzerhand mein Ziel.

Beim Einchecken im Hostel habe ich etwas Wartezeit, bis die Datenübertragung erledigt und die Bestätigung beim Hotelmanager eingegangen ist. Diese Zeit verbringe ich auf der Terrasse mit einem kühlen Bier. Mir fällt ein Mann mit extrem akzentfreiem Englisch auf, der sich offensichtlich mit zwei Einheimischen am Nachbartisch unterhält. Als ich ihn frage, ob er aus Großbritannien stamme, lande ich direkt einen Volltreffer. Er hat sich vor knapp 20 Jahren ein Haus in den Bergen gekauft und ist gerade auf dem Rückweg einer knapp einjährigen Weltreise. Das ist mein Mann, denn ich brauche dringend eine Gastro-Empfehlung fürs Abendessen und vor allem einen Tipp für eine Bar, in der sich gerne die Einheimischen treffen.

Zufälle gibt’s!

Nachdem ich in einem italienischen Restaurant gut gespeist habe, mache ich mich auf den Weg zu der empfohlenen M-Bar. Keine 200 Meter von meinem Hostel entfernt, liegt diese kleine Gastwirtschaft mit mediterranem Flair: Vor der Kneipe stehen ein paar Tische, an denen sich ein paar Gäste lautstark unterhalten. Drinnen befinden sich mindestens 20 freundliche Menschen, die sich gemeinsam ein Eishockeyspiel anschauen. Slowenien ist ein Land mit traditionell guten Eishockeyspielern.

Als ich mich an die Theke setze, komme ich auch sofort ins Gespräch. Die Gäste sind sehr aufgeschlossen, freundlich und sprechen fast alle gutes Englisch. Es ist schon auffällig, wie viel Mühe sie sich mit einem Touristen geben. Ruckzuck werde ich auf eine Weißweinschorle eingeladen (die übrigens gerade einmal 1,10 Euro kostet), und wir unterhalten uns über meine Reise – und meinen Plan. Nach einem Espresso und ein paar Kaltgetränken ist die Stimmung gut, und ich fühle mich sehr wohl im Kreise der Einheimischen.

Als ich über meinen Plan, eine Marmorforelle zu fangen, berichte, wird Damiana, die Frau hinter der Theke, hellhörig. „Ich habe einen Freund, der ist Angelguide. Wahrscheinlich sogar der beste in dieser Region. Warte mal, er ist auf Facebook gerade online. Ruf ihn einfach an, hier ist seine Nummer … Übrigens ist er ursprünglich aus Österreich, ihr dürftet also keinerlei Verständigungsprobleme haben.“ Mit diesen Worten drückt sie mir einen Zettel mit einer slowenischen Telefonnummer in die Hand.

Es ist Freitagabend, kurz vor 22 Uhr. Aber was soll’s, ich rufe an – ich will schließlich fischen. Am anderen Ende der Leitung meldet sich Laurens, erst auf Englisch, dann kläre ich ihn über meine Herkunft auf, und wir wechseln die Sprache. „Sag mal, was hast du morgen vor?“, frage ich mal ganz frech. „Nichts“, antwortet er. „Dann gehen wir morgen gemeinsam fischen!“ – mein Wunsch wird Wirklichkeit! Als ich Laurens informiere, dass ich mit dem Motorrad unterwegs sei, muss er erst einmal schlucken. Er fragt mich bezüglich meiner Erfahrungen beim Fliegenfischen und bezweifelt sehr stark, dass ich eine passende Ausrüstung in meinen Koffern dabeihabe. „Ja, ich brauche eine Leihausrüstung. Komplett!“ Eine Wathose soll ich am nächsten Morgen im Angelladen ausleihen, dann um 8.30 Uhr bei ihm vor der Tür aufschlagen. „Und was kostet das Guiding für einen Tag?“ Eigentlich war es mir ziemlich egal, aber besser vorher mal fragen, zumal er laut Damiana der beste Guide im Sočatal sein soll: 350 Euro der komplette Tag, und ich darf Laurens’ Equipment nutzen – das ist es mir wert!

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