Königin des Stils

| Text: Dr. Wolfgang Fleck |

Reiz und Ethos der Jagd liegen in der Beschränkung. Es ist vor allem der bewusste Verzicht, der die Jagd zur Kulturform, ja fast zur Kunstform erhebt. Wer Selbstbescheidung als jagdlichen Stil pflegt, beschränkt sich auch bei der Wahl seiner Waffe. Er greift zu einem einschüssigen Gewehr, vorzugsweise zu einer Kipplaufbüchse. Fanzoj aus Ferlach produziert mit der KB-1 eine elegante Vertreterin dieser Spezies.

Die Repetierbüchse ist für viele Jäger die Waffe der Wahl. Sie ist universell, einfach herzustellen, preisgünstig, zumeist recht ansehnlich, und sie lässt sich schnell nachladen. Moderne Geradezugrepetierer lassen sich fast so flott schießen wie ein Automat. Die klassische Mauser 98 und alle artverwandten Winkelzugrepetierer stehen dem kaum nach, wenn man sie routiniert bedient. Was braucht man mehr? Nichts. Doch der Mensch gibt sich selten nur mit dem Erforderlichen zufrieden. Neben das Brauchen tritt das Wollen, zum Bedürfnis gesellt sich der Wunsch. Ein guter Freund schwärmt bis heute von einer Kipplaufbüchse als seinem Traumgewehr, führt aber – höchst vernünftig – eine Repetierbüchse auf der Jagd. Ich halte es genauso; doch immer wieder ertappe auch ich mich dabei, dass ich Ausschau nach einer Kipplaufbüchse halte.

Jägerträume

Die Vorzüge einer Kipplaufwaffe sind evident. Sie ist leicht, elegant, und sie lässt sich hervorragend und – im Gegensatz zu einer Take Down, an der künstliche Schnittstellen angebracht werden müssen – gewissermaßen auf natürliche Art und Weise zerlegen. Sie hat, wenn auch das Zielfernrohr demontierbar ist, ein extrem kleines Packmaß und lässt sich fast im Aktenkoffer transportieren. Sie ist damit prädestiniert für die Gebirgsjagd. Freilich liegen auch ihre Beschränkungen auf der Hand: Mit einer Kipplaufbüchse kommt man bei Bewegungsjagden ins Hintertreffen, wenn man schnell einen zweiten oder gar dritten Schuss antragen muss. Natürlich kann man einigermaßen rasch nachladen, doch dies erfordert einen komplexeren Bewegungsablauf und damit sehr viel mehr Routine und Zeit als bei der Repetierbüchse.

Doch bei all ihrer Praxistauglichkeit hat die Repetierbüchse etwas sehr Bodenständiges, fast Biederes an sich. So schön sie auch durch elegante Schäftung und geschmackvolle Garnitur gestaltet werden kann – sie ist Ausdruck jagdlicher Vernunft. Sie ist im Kern ein Werkzeug. Ästheten, Philosophen- und Künstlernaturen, die man auch unter Jägern regelmäßig findet, wollen indes mehr. Neben aller Funktionalität wünschen sie sich ein Stück Schönheit, ein Stück Individualität, gar Exaltiertheit. Es verwundert daher nicht, dass sich bei Jagdbüchsen bis heute Konstruktionen halten, die die praktischen Vorzüge der Repetierbüchse gerade nicht haben, darunter vor allem die Kipplaufbüchse. Doch worin genau besteht ihr Faszinosum?

Das Ethos der Einschüssigen

Schürfen wir tiefer. Der Mensch, der Jäger, ist ein komplexes Wesen. Er sucht permanent nach Grenzen, um sie zu überwinden. Transzendenz ist seine Bestimmung. Er will wachsen und über sich selbst hinauswachsen. Aus dieser Warte lässt sich der Reiz der Kipplaufbüchse vielleicht am besten erklären: Sie fordert den Schützen mehr als jede andere Waffe, praktisch und vor allem auch mental. Wer sie führt, weiß, dass es nur diesen einen Schuss im Lauf gibt. Dies verpflichtet ihn in hohem Maße zur Besonnenheit, zur realistischen Einschätzung der Situation, zur exzellenten Schießfertigkeit, kurzum: zur jagdlichen Verantwortung.

Die Kipplaufbüchse lässt auch andere Tugenden reifen: Wer sie führt, übt sich in Gelassenheit, erteilt übertriebenem Beuteeifer eine Absage. Er hat gelernt, sich zu bescheiden, sogar zu verzichten: auf den schnellen zweiten, dritten Schuss aus dem Automaten, auf das volle Magazin des Repetierers, auf den Schrotlauf des Drillings. Wer eine Kipplaufbüchse führt, weiß, dass es im Leben wie auf der Jagd auf den rechten Moment, den Kairos, ankommt, nicht auf irgendeine beliebige Gelegenheit. Kurz, die Kipplaufbüchse ist die Waffe des Meisters, des Routiniers, der seine Fähigkeiten und vor allem auch deren Grenzen sehr wohl kennt.

Das Potenzial der Einschüssigen, die Jägerschaft zu disziplinieren und zur Schießfertigkeit zu erziehen, wurde übrigens früh erkannt. Es war kein Geringerer als Erzherzog Johann (1782–1859), der in der Mitte des 19. Jahrhunderts umfassende Reformen des Jagdrechts durchführte und ein modernes Verständnis von Waidgerechtigkeit postulierte. Ihm, der eine einschüssige Steinschlossbüchse führte, werden folgende Worte zugeschrieben: „Mit einer Einläufigen lernt man rein schießen, seine Schüsse sparen und zur rechten Zeit abgeben“. Dem ist – auch nach über 150 Jahren – nichts hinzuzufügen.

Die Fanzojsche KB-1

Der jagende Ästhet schätzt die Kipplaufbüchse freilich nicht nur wegen ihrer jagdethischen Qualitäten und ihrer feinen Anmutung, sondern auch wegen ihrer Entstehungsgeschichte. Sie ist im Gegensatz zur jagdlichen 98er und zu Büchsen mit Martini-System nicht als Nachfahrin von Infanteriewaffen entstanden, sondern war immer schon für die Jagd gebaut worden. Sie wurde, wenn man so will, vornehm geboren und nicht erst nachträglich in den Adelsstand erhoben. Es versteht sich daher fast von selbst, dass die Konstruktion bis heute so zeitlos wie attraktiv geblieben ist.

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