Linnés großer Irrtum

| Text: Dr. Volker Pesch |

Es sind faszinierende Lebewesen im Zwischenraum von Wasser und Land. Schillernde Kreaturen, erstaunliche Lebenskünstler, gefährdete Arten. Und doch finden Frösche, Kröten, Unken und Molche vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit. Grund genug für HALALI-Autor Dr. Volker Pesch, die heimischen Amphibien einmal genauer in den Blick zu nehmen.

„Amphibia, pleraque horrent“, schrieb Carl von Linné in der 12. Auflage seines berühmten Werkes „Systema Naturae“ von 1766: Die meisten Amphibien sind abstoßend. Und zwar „wegen ihres kalten Körpers, ihrer bleichen Farbe, ihres Knorpelskeletts, ihrer schmutzigen Haut, ihres bedrohlichen Aussehens, ihrer berechnenden Augen, ihres widerwärtigen Geruchs, ihrer rauen Stimme, ihrer verwahrlosten Behausung und ihres entsetzlichen Giftes; weshalb ihr Schöpfer seine Macht auch nicht dazu benutzte, viele von ihnen zu erschaffen“.

Ausgerechnet Linné! Der große schwedische Naturforscher, Begründer der modernen Taxonomie der Arten, Mitglied der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften, der Royal Society, der Pariser Akademie der Wissenschaften und aller anderen maßgeblichen Akademien seiner Zeit, Übervater der botanischen und zoologischen Forschung, abgebildet auf dem schwedischen 100-Kronen-Schein und bis heute Namenspatron der Linnean Society of London, der wohl ältesten naturforschenden Gesellschaft der Welt – ausgerechnet dieser Carl von Linné also brach lautstark krachend den Stab über den Lurchen.

Geringer Kuschelfaktor

Es darf aber bezweifelt werden, dass dieses überaus unsachliche und unbegründete Verdikt das geringe Interesse erklärt, das den Amphibien und ihren nächsten Verwandten, den Reptilien, bis heute zuteilwird. Es dürfte schon eher damit zu tun haben, dass der Kuschelfaktor denkbar gering ist. Denn die Haut der meisten Amphibien ist nackt und entweder schleimig oder warzig – beides Eigenschaften, die wir Menschen nicht unbedingt schätzen. Diese Haut ist ein Wunderwerk der Evolution, sie ist hochfunktional, dient sowohl der Atmung und dem Schutz vor Infektionen und Feinden als auch dem Wasserhaushalt. Aber versuchen wir, einen Lurch zu fassen, glitscht er uns durch die Finger. Die Hornschuppen der Reptilien mögen uns ebenso wenig geheuer sein, aber unsere Angst vor diesen Kreaturen ist ganz anders gelagert (und wäre ein anderes Thema).

„Sei kein Frosch!“, fordern wir jemanden auf, nicht feige zu sein. Und wer „eine Kröte schluckt“, tut etwas höchst Unangenehmes, muss gegen seine Überzeugung handeln, sich dem Willen eines anderen unterwerfen. Warum ausgerechnet Amphibien? Es gäbe wahrlich genug anderes Viehzeug, das bildhaft für Feigheit oder Unangenehmes stehen könnte. Warum sind uns die Lurche suspekt? Weil sie im Grenzbereich leben, also da, wo Wasser und Land aufeinandertreffen? Mithin im Nassen und Dunkeln? Sie sind weder Fisch noch Fleisch sozusagen, stecken in wenig bewegten Gewässern, zwischen Schilf und Teichrosen, unter Steinen und Totholz, im feuchten Unterwuchs. Amphibien brauchen Luft und Land, aber vor allem brauchen sie Nässe. Sie können sich nicht sonnen wie Echsen und Schlangen oder Menschen.

Vielleicht spielt auch ein Rolle, dass wir kein Nutzungsinteresse an Amphibien haben. Sie werden heute weder gefangen noch gejagt oder geangelt, jedenfalls nicht in Deutschland. Die Zeiten, da man Fröschen bei lebendigem Leib die Schenkel abgerissen hat, um sie als dekadente Delikatesse aufzutischen, sind gottlob vorbei. Vielleicht sammeln hier und da immer noch Kinder ein wenig Froschlaich, um die Larven auf der heimischen Fensterbank schlüpfen zu sehen, wie sie es schon seit Generationen getan haben. Das mag schon sein, selbst wenn die meisten Kinder heute selbst in einem Grenzbereich leben, nämlich dem zwischen Laptop und Smartphone. Insofern sollten wir solcherart Tun unbedingt fördern, es wird im Übrigen die Bestände ganz sicher nicht gefährden, zumal die Auswilderung von der Fensterbank in den nächsten Teich ja manchmal sogar gelingt.

Insgesamt aber sind sämtliche Amphibien in Deutschland und Europa besonders geschützt. Es ist also streng verboten, sie zu fangen, zu stören, ihren Lebensraum zu zerstören oder sie zu töten. Sie stehen auf allen Roten Listen und in den Anhängen der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie. Dennoch scheint es ein wirklich breites Interesse jenseits der Fachwelt für die kleinen Wirbeltiere nicht zu geben. Verglichen beispielsweise mit Vögeln oder Schmetterlingen haben Amphibien wenige Fans und Freunde, abgesehen natürlich von Aquarianern und Terraristikern, die sich mit „Reptilia“ sogar eine Publikumszeitschrift zum Thema gönnen. Eine richtige Lobby sähe anders aus.

Leben in zwei Welten

Dabei sind Amphibien in ihren natürlichen Habitaten gerade wegen des Lebens „in zwei Welten“ besonders faszinierende Wesen. Je nach Jahreszeit und Lebenszyklus leben sie ganz oder überwiegend an Land oder im Wasser. Viele überwintern an Land, aber paaren sich im Wasser. Manche wandern weite Wege zu ihren Paarungsstätten, wenn es sein muss, auch über Straßen und Schienen, was regelmäßig die Naturschutzverbände auf den Plan ruft. Ihre Eier legen die meisten Lurche im Wasser ab, die Larven haben noch Kiemen, die adulten Tiere schon Lungen. „Amphibios“ kommt übrigens aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „doppellebig“.

Sie finden den Artikel spannend und möchten ihn gern weiterlesen?
Dann lohnt es sich, das ganze Heft zu kaufen.