Natur mit allen Sinnen fühlen

| Text: Gabriele Metz |

Wenn kleine Hände begeistert die Rinde eines abgestorbenen Baumes abschälen und neugierige Augen vergnügt nach kleinen Käfern suchen, dann kann „Netti“ nicht fern sein. Netti heißt eigentlich Annette von Karp und liebt ihren Kosenamen, der aus der Projektmarke der Stiftung Wald und Wild in Mecklenburg-Vorpommern entstanden ist. Die in der Nordheide aufgewachsene ausgebildete Waldpädagogin ist seit zwei Jahren Geschäftsführerin dieser gemeinnützigen Organisation. Bei dem Projekt „Nettis Naturkinder“ steht das sinnliche Erleben der biologischen Vielfalt im Fokus. Dadurch soll der zunehmenden Naturentfremdung von Kindern begegnet werden. Insbesondere Kids aus schwierigen Verhältnissen erhalten dadurch Anreize für eine positive Entwicklung. HALALI-Autorin Gabriele Metz sprach mit der Frau, die Kindern aus dem Großraum Hamburg unvergessliche, prägende Erlebnisse ermöglicht.

Wie ist das Projekt „Nettis Naturkinder“ eigentlich entstanden?

Annette von Karp: 2017 befand ich mich in einer privaten und beruflichen Umbruchphase meines Lebens, denn eigentlich komme ich aus dem Vertrieb von Jagdausrüstung. Damals sprach mich der Vorstand der Stiftung an und fragte, ob ich mir vorstellen könne, noch einmal etwas ganz Neues zu beginnen und mich zur Waldpädagogin ausbilden zu lassen. Man wolle hier einen Schwerpunkt bilden und eine eigene Marke entwickeln. Diese Idee zündete bei mir wie ein Funke im trockenen Strohhaufen. Auch die kontaktierten Kindergärten und Kindertagesstätten zeigten sofort Interesse. Binnen kürzester Zeit konnten wir uns vor Anfragen kaum noch retten.

Woher kommt Ihre eigene Naturverbundenheit?

Annette von Karp: Ich bin eigentlich gebürtige Hamburgerin. Mein Vater beschloss damals, in die Nordheide zu ziehen, um der Natur näher zu sein. Er machte die Jägerprüfung und nahm mich praktisch schon mit der Babytrage regelmäßig mit hinaus in die Natur und auch zur Jagd. Für mich war all das von Anfang an die normalste Sache der Welt. Ein Umfeld, in dem ich mich wohlfühlte und auskannte. Das färbte später auf meine beiden eigenen Kinder ab, die inzwischen auch erwachsen sind. Sie sind ebenfalls Jäger geworden und fühlen sich in der Natur zu Hause.

Woran machen Sie die heute herrschende Naturentfremdung fest?

Annette von Karp: Da gibt es viele Beispiele. Letztens riefen mich die Vertreter einer Schule an, um einen pädagogischen Waldausflug zu buchen. Als wir uns trafen, sammelte ich erst einmal die Handys aller Kinder ein. Allein das sorgte schon für große Augen. Ich „jagte die Klasse durch den Wald“ – wie ich es gerne bezeichne – und entdeckte, dass die Kinder nicht einmal eine Birke erkannten, von Wildkräutern und Insekten ganz zu schweigen.

Wie erklären Sie sich diese Naturferne?

Annette von Karp: Das liegt unter anderem an unserer deutschen Angstgesellschaft. Man pflückt keine wild wachsenden Beeren, weil man sich in Gefahr durch den Fuchsbandwurm wähnt. Kinder sollen nicht auf Bäume klettern, denn sie könnten herunterfallen. Zecken sind ein unkalkulierbares Gesundheitsrisiko. Die Menschen wittern überall Gefahr.

Dieses Denken ist von Erwachsenen gesteuert. Wie reagieren die Kinder, wenn sie mit Ihnen in der Natur sind?

Annette von Karp: Das Feedback ist durchweg positiv. Die Skeptiker gewinne ich spätestens beim ersten Totholz für mich. Dann puhlen wir gemeinsam Rinde ab, entdecken die krabbelnde Welt darunter, schnuppern an Holz, Moos und an der Erde. Die Kinder lieben diese Entdeckungsreise, die sie mitten hinein in die wunderbare Welt der Natur führt.

Welches sind – Ihrer Erfahrung nach – die Gründe für die zunehmende Naturentfremdung der Kinder?

Annette von Karp: Die Naturentfremdung ist nur ein Teil einer unzureichenden Bildungsarbeit in den Elternhäusern. Wir erleben oft, dass sich Mama und Papa nicht intensiv genug um ihren Nachwuchs kümmern. Niemand scheint mehr Zeit zu haben. Viele kochen überhaupt nicht mehr für ihre Kinder, wenn sie aus der Schule nach Hause kommen. Es gibt kaum noch gemeinsame Ausflüge in die Natur. Die Kinder sind oft nicht ausgelastet. Sie glauben, Fleisch wachse in Plastikverpackungen im Supermarkt. Dass es von einem Tier mit Haut und Knochen stammt, ist tatsächlich vielen fremd.

Hat sich diese Situation seit Beginn der Corona-pandemie weiter zugespitzt?

Annette von Karp: Nun, ich habe diese Zeit ganz intensiv dafür genutzt, Eltern über das Internet Ideen für ihre Kinder zu vermitteln. Sei es der Bau eines Insektenhotels mit einem orangefarbenen Herz, damit auch die Schmetterlinge dorthin finden, ein Nistplatz für Rotkehlchen – dem Vogel des Jahres 2021 – oder ein Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel zum Selbstbauen aus Holz. Dabei gibt es in unserem Shop – ab Februar 2022 – nur die grundlegenden Bausysteme, deren Ergänzung dann mit selbst gesammelten Materialien erfolgt. So gibt es bei uns nur die Baumscheibe, die als Spielbrett für das beliebte Gesellschaftsspiel dient. Alles Weitere suchen die Kinder – vielleicht ja auch gemeinsam mit ihren Eltern – in der Natur und bearbeiten ihre „Beute“ anschließend mit einem Schnitzmesser. Auch die Blumenpresse in Herzform ist eine neue Idee. Ich liefere auch die Kochrezepte, für die jeweils eine gerade saisonal wachsende Zutat geerntet werden soll.

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