Paludikultur – Landwirtschaft im Moor

| Text: Dr. Volker Pesch |

Die Renaturierung land- und forstwirtschaftlich genutzter Moore ist vielerorts erklärter Wille. Für den Klimaschutz ist das ein effizientes Mittel, birgt aber auch erhebliches Konfliktpotenzial. Deswegen forschen Wissenschaftler an neuen Formen der nassen Landwirtschaft. Nicht absehbar sind die Folgen für Wild und Jagd, wie HALALI-Autor Dr. Volker Pesch beschreibt.

Das Ding erinnert an die Pistenraupe aus dem letzten Skiurlaub. Und das ist kein Zufall: Es ist eine Pistenraupe. Zumindest ist das Fahrzeug dereinst zu diesem Zweck hergestellt worden. Es wäre also keiner besonderen Erwähnung wert, befänden wir uns nicht im Peenetal, in Mecklenburg-Vorpommern, im äußersten Nordosten der Republik. Der letzte nennenswerte Schneefall liegt hier bald zehn Jahre zurück, und das Land ist so flach wie die Flundern in der nahen Ostsee. Skipisten werden hier auch in absehbarer Zukunft nicht angelegt.

Die Raupe arbeitet sich vielmehr durch eine mit Schilf bestandene Wasserfläche. Sie ist zum Erntefahrzeug mit Spezialketten aus Gummi und einem Häckselwerk umgebaut worden. Bei sämtlichen Herstellern von Erntetechnik fand sich keine geeignete Maschine, denn die Ernte von Schilf ist nicht nur hierzulande eher ein Nischengewerk. Schilf wird nahezu ausschließlich als traditionelles Material zum Dachdecken genutzt. Deswegen wird es üblicherweise auch nicht als landwirtschaftliche Kultur angebaut, sondern nach Bedarf in natürlichen Beständen am Rand von Gewässern geschnitten.

Aber das könnte sich bald ändern. Denn Schilf kann mehr. Die Fasern der bis zu vier Meter hohen Stängel binden Lehmputz und dienen als Rohstoff für natürliche Dämm- und Bauplatten. Und gehäckselter Schilf liefert hochwertige Biomasse zur Energiegewinnung. Hier, im Peenetal, wird praktisch erprobt, was Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis ist: Der Anbau von Schilf kann wirtschaftlich durchaus ertragreich sein. Das Stichwort, mit dem sich solcherart Hoffnungen verbinden, lautet „Paludikultur“.

Forschung und Entwicklung

Der von „palus“, dem lateinischen Wort für Sumpf oder Morast, abgeleitete Begriff steht für die nasse Bewirtschaftung von Mooren. Er schließt traditionelle Verfahren der Bewirtschaftung wie die Schilfrohrmahd ein, umfasst aber vor allem neue Kulturen und Techniken. Die energetische Verwertung von Biomasse aus nasser Landwirtschaft zählt ebenso dazu wie die Kultivierung von Moosen als Torfersatz im Gartenbau oder die Haltung von Wasserbüffeln.

Paludikultur zielt auf wirtschaftliche Nutzung, ist dabei aber ein enger Partner des Naturschutzes. Und das nicht nur, weil der Torfkörper der Moore erhalten bleibt oder sogar wächst. Vielmehr ist Paludikultur auch und gerade für renaturierte Moorflächen eine Nutzungsoption.

Auf diesem Forschungsgebiet weit vorn sind Wissenschaftler aus Greifswald. An der kleinen, aber altehrwürdigen Universität hat die Moorforschung eine lange Tradition. Seit 1820 sind entsprechende Forschungen verbürgt, was auch damit zusammenhängen dürfte, dass im Greifswalder Umland ausgedehnte Moorflächen liegen. Mit der Berufung Michael Succows an das Institut für Botanik und Landschaftsökologie der Universität im Jahr 1992 wurde Moorforschung zum erklärten Forschungsschwerpunkt. Succow, den Journalisten gerne den „Moorpapst“ nennen, war und ist Initiator und Begründer diverser Naturschutzgroßprojekte in Deutschland sowie in Zentral- und Ostasien. Für sein Wirken wurde er vielfach geehrt, unter anderem mit dem Alternativen Nobelpreis.

Unter den mittlerweile zahlreichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verschiedener Fachgebiete, die sich in Greifswald mit Erforschung, Renaturierung und Schutz von Mooren befassen, ragt Hans Joosten hervor. Der Leiter der Arbeitsgruppe „Moorkunde und Paläoökologie“ gilt als Erfinder der Paludikultur. Zumindest hat er den Begriff geprägt.

Und Joosten ist die zentrale Figur im „Greifswald Moor Centrum“. Das versteht sich als ebenso interdisziplinäre wie internationale Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Politik und Praxis, als „Vordenker und Gestalter in allen Moorfragen“, wie es sich selbst nicht ganz unbescheiden im Internet bezeichnet, auch in Fragen der nachhaltigen Nutzung. Außerdem koordinieren die Greifswalder die weltweit größte Datenbank zu Verbreitung und Zustand der Moore („Global Peatland Database“).

Die Liste der Partner und Förderer des „Greifswald Moor Centrum“ ist lang. Darunter ist auch eine Reihe von Unternehmen aus der Region, in denen die Erkenntnisse der Forschung praktisch erprobt, Techniken der Paludikultur entwickelt und Produkte hergestellt werden. Wenn nötig auch mit einer umgebauten Pistenraupe. Manche (Pilot-)Projekte sind noch im Stadium der Forschung und Entwicklung, andere haben bereits Marktreife erreicht.

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