Pioniere, Entdecker, Jäger

| Text: Dr. Wolfgang Fleck |

Amerika um 1820: Es wagen sich immer mehr Trapper in die Jagdgründe jenseits des Mississippi. Die Fallensteller erbeuten in der reichen, unerschlossenen Natur Felle, die zu dieser Zeit in Europa sowie im Osten Nordamerikas begehrte Handelsware sind. Diese Zeit prägt die amerikanische Kultur bis heute. Ein Rückblick auf die Pionierzeit des Wilden Westens und ihre Jagdkultur.

Wer 2016 im Kino war, konnte Leonardo DiCaprio in einer ungewöhnlichen Geschichte sehen: „The Revenant“. Er spielt den Trapper Hugh Glass, der, schwer verwundet, von seinen Gefährten in der Wildnis zurückgelassen wird und – in einer fast übermenschlichen Kraftanstrengung – in die Zivilisation zurückkehrt. Der mehrfach ausgezeichnete Film erzählt einen archaischen Kampf ums Überleben, von Verrat, Feigheit und von Rache. Der Film zeigt auch großartige Naturbilder – und zeichnet ein Bild des Lebens der Trapper. Man muss annehmen, dass Regisseur Alejandro González Iñárritu die Geschichte um Glass dramaturgisch zugespitzt hat, denn die Biografie des historischen Hugh Glass liegt weitgehend im Dunkeln.

Hugh Glass wird vermutlich um 1783 in Philadelphia als Nachfahre nordirisch-schottischer Einwanderer geboren. Er soll, so wird kolportiert, Pirat gewesen sein; er soll eine Frau vom Indianerstamm der Pawnee geheiratet haben. Doch all dies ist historisch nicht belegt. Was aber als sicher gilt, ist dies: 1823 schließt er sich einer Expedition der Rocky Mountain Fur Company an. Der Handel mit Pelzen – vor allem mit Biberpelzen – floriert. Glass’ Auftrag ist, am Missouri und Grand River entlang zum Yellowstone River vorzudringen, ein mühsames und gefährliches Unterfangen.

Im Gebiet des heutigen Perkins County attackiert ihn ein Grizzlybär. Glass kann sein Gewehr nicht abfeuern, den Bären jedoch nach verzweifeltem Kampf mit seinem Messer töten. Er selbst ist schwer verletzt. Seine Gefährten nehmen an, er werde seinen Wunden bald erliegen. So zieht die Gruppe weiter, stellt jedoch zwei Männer ab – John Fitzgerald und Jim Bridger –, die bei ihm wachen und ihn nach seinem Tod begraben sollen.

Kampf auf Leben und Tod

Obwohl Glass nach einigen Tagen noch immer atmet, lassen ihn die beiden allein zurück und schließen zur Gruppe auf. Man weiß nicht, was die beiden bewegt hat, so zu handeln. Schätzten sie die Situation falsch ein, hielten sie ihn für tot? War es Feigheit? Angst um das eigene Leben? Flucht vor herannahenden Indianern? Was auch immer es gewesen sein mag: Das Drama um Leben und Tod beginnt. Hugh Glass schlägt sich – geschwächt, mit gebrochenem Bein und mit schwärenden Wunden – ohne Waffe und ohne Proviant zum Cheyenne River durch, wo er sich ein Floß baut, mit dem er sich flussabwärts treiben lässt. Sechs Wochen später erreicht er das 320 km entfernte Fort Kiowa.

Man kann sich kaum vorstellen, wie viel Energie, Mut und Kraft er aufgebracht haben muss, welche Qualen er ausgestanden hat, wie oft er resigniert hat. Aber er schafft es, er wird „The Revenant“, der Rückkehrer. Glass erholt sich und arbeitet forthin in Fort Union als Jäger. Zehn Jahre später wird er bei einem Kampf mit Arikaree-Indianern getötet. So endet sein Leben in den noch jungen Vereinigten Staaten von Amerika.

Zwei Welten

Das Wort „Amerika“ hat um 1820 einen ganz anderen Klang als heute. In Europa weiß man noch wenig über den großen Kontinent jenseits des Atlantiks. Auch für die meisten europäischen Auswanderer ist Amerika nicht das, was es heute ist: Es ist am östlichen Ufer des Mississippi zu Ende. Der mächtige Fluss, der im Bereich der Great Lakes im Norden entspringt und nach Süden strömt, scheidet die beiden großen Teile Amerikas voneinander – das der eingewanderten Siedler, das der eingeborenen Indianer.

Im Westen des Mississippi liegen die Great Plains – eine Prärie, weitgehend unerschlossenes Terrain, das nicht kartografiert ist. Es untersteht zwar formell den Vereinigten Staaten, ist aber nur dünn besiedelt. Die Ebene ist eine schier unendliche Weite aus wogendem Gras. Indianer besiedeln das bis zu den Rocky Mountains reichende Land seit Jahrtausenden. Kurz: Es ist der Wilde Westen.

Seine bis dahin so gut wie unberührte Natur ist reich an Fauna: Neben Grizzlys, Hirschen, Bisons, Wölfen und Kojoten gib es auch viele Biber. Biberpelze sind begehrt – die Nachfrage in der Alten Welt steigt zu dieser Zeit stark an und kann nicht mehr nur durch Tauschhandel mit den Indianern befriedigt werden. So wagen sich ab etwa 1820 – just in den Schicksalsjahren von Hugh Glass – Trapper erstmals auch den Missouri hinauf gen Westen, um Jagdreviere zu erschließen. Sie tun dies im Auftrag von Handelsgesellschaften, die die erbeuteten Felle den Fluss hinunter nach St. Louis schiffen lassen, um sie dort umzuschlagen. Die meisten Felle werden für die Herstellung von Pelzbekleidung nach Europa exportiert.

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