Sensible Spezialisten

| Text: Dr. Volker Pesch |

Mit Tausenden Arten bilden Schmetterlinge nach den Käfern die zweitgrößte Ordnung der Insekten. Bunte Tagfalter machen dabei nur einen kleinen Teil aus, die große Mehrheit der Arten ist eher unscheinbar und zudem nachtaktiv. Aber alle stellen besondere Anforderungen an ihre Habitate, wie HALALI-Autor Dr. Volker Pesch zu berichten weiß.

Anfang der 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts machte eine These von Edward Lorenz Schlagzeilen, nach der der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien in Texas einen Tornado auszulösen imstande sei. In komplexen Systemen, zu dem auch das Wetter gehöre, das wollte der Meteorologe damit sagen, können bereits kleinste Veränderungen eine Vorhersage der weiteren Entwicklung unmöglich machen.

Unter dem Begriff „Schmetterlingseffekt“ hat diese Erkenntnis Aufnahme ins Handbuch des populären Halbwissens gefunden. Er wird heute gern für die ebenso allgemeine wie triviale Erkenntnis genutzt, dass kleine Ursachen mitunter nicht kontrollierbare Wirkungen haben können. Das hat zwar mit Lorenz’ ursprünglicher These wenig zu tun, ist aber ein starkes Bild.

Und ein gut gewähltes dazu. Denn Schmetterlinge sind der Inbegriff natürlicher Schönheit, Zartheit und Verletzbarkeit. Die Behauptung, ein Flügelschlag von Admiral, Zitronenfalter oder Kohlweißling könne einen todbringenden Sturm bewirken, ist nachgerade paradox. Weil es mit diesem Widerspruch spielt, bleibt das Bild so gut im Gedächtnis.

Linnés Erbe

Admiral (Vanessa atalanta), Zitronenfalter (Gonepteryx rhamni) und Kleiner Kohlweißling (Pieris rapae) sind nur drei von rund 3 700 in Deutschland beschriebenen Arten. Weltweit stellt die Ordnung der Schmetterlinge mit rund 130 Familien und weit mehr als 160 000 Arten die zweitgrößte Ordnung der Insekten nach den Käfern dar. Und ständig werden neue entdeckt.

Ihren wissenschaftlichen Namen Lepidoptera verdankt diese Ordnung den beschuppten Flügeln. Der schwedische Naturwissenschaftler Carl von Linné höchstselbst hat den Begriff aus den altgriechischen Wörtern für „Schuppe“ (im Genitiv: lepídos) und „Flügel“ (im Plural: pterá) zusammengesetzt.

Im Deutschen bezeichnen wir als Schmetterlinge meist Arten aus der Unterordnung Glossata, die den Großteil aller Schmetterlingsfamilien umfasst. In den drei anderen Unterordnungen (Zeugloptera, Aglossata, Heterobathmiina) finden sich insgesamt nur rund 100 Arten, die meisten davon sind selten und kommen hierzulande nicht vor.

In unserer Umgangssprache reduzieren wir die Schmetterlinge allerdings noch weiter, nämlich auf die bunten, tagaktiven Vertreter. Dabei machen diese Tagfalter mit rund 180 Arten gerade mal 5 % aller Arten aus. Die übrigen nennen wir etwas abschätzig „Nachtfalter“ oder gar „Motten“. Wir tun ihnen damit doppelt unrecht: Auch die Echten Motten sind eine Familie der Schmetterlinge, und die allermeisten nachtaktiven Glossata sind bei Lichte besehen wunderschöne Kreaturen.

Ohnehin ist die Unterscheidung von Tag- und Nachtfaltern systematisch-taxonomisch schwierig und entspricht nicht immer den Verwandschaftsverhältnissen oder Lebensweisen. Beispielsweise sind Arten aus der Familie der Spanner (Geometridae) eng mit den meisten Tagfaltern verwandt, aber in der Regel nachts aktiv. Und die überwiegend tagaktiven Widderchen (Zygaenidae) sind verwandtschaftlich gesehen Nachtfalter.

Schließlich nehmen wir noch eine weitere sprachliche Reduktion vor, wenn wir nur die Falter als Schmetterlinge bezeichnen. Denn Schmetterlinge zählen zu den Insekten mit vollständiger Metamorphose. Sie durchlaufen vier Lebensstadien, sind Ei, Raupe und Larve, bevor sie sich im wahrsten Sinne des Wortes als Falter entpuppen. Wer sich mit Schmetterlingen befasst, muss sich folglich mit diesen grundverschiedenen Erscheinungsformen befassen, nicht nur mit der zweifellos spektakulärsten Form als Falter.

Citizen Science

Die Fokussierung auf Tagfalter kann allerdings forschungspraktisch begründet sein. Nachtaktive Arten sind kaum zu zählen, schon gar nicht in Citizen-Science-Projekten, die heute die Datenbasis vieler Studien bilden. In der Regel können darin nur tagaktive Falter erfasst werden. Aber auch wenn das vergleichsweise wenige Arten sind, lassen sich die Ergebnisse doch auf die Gesamtheit übertragen. Denn die Nachtfalter erleiden gerade das gleiche Schicksal wie ihre bunten Verwandten, sie sind dabei nur weniger sichtbar.

Das derzeit größte Citizen-Science-Projekt zur Erforschung der Schmetterlinge ist das Tagfalter-Monitoring Deutschland, koordiniert vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) gemeinsam mit der Gesellschaft für Schmetterlingsschutz (GfS). Seit dem Jahr 2005 gehen wöchentlich mehrere Hundert Teilnehmer*innen festgelegte Strecken von rund einem Kilometer Länge ab und notieren sämtliche Falterbeobachtungen. So entstehen eine laufende Dokumentation der Entwicklung auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene sowie ein Datensatz für Forschungen aller Art.

Auch der im vergangenen Jahr erschienene Verbreitungsatlas der Tagfalter und Widderchen Deutschlands basiert auf Daten aus bürgerwissenschaftlichen Projekten. Er gibt erstmals einen Gesamtüberblick über die aktuelle Situation mit detaillierten Artenporträts und Verbreitungskarten zu 184 Tagfalterarten und 24 Widderchen (in Buchform erhältlich im Ulmer Verlag). Demnach gibt es nur wenige Arten, deren Bestände aktuell nicht gefährdet sind und die sich teilweise in den letzten Jahren sogar erholt haben.

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