Sie fängt die Ruhe ein

| Text: Gabriele Metz |

Tanja Möderscheims Jagdstillleben vereinen alte Werte mit moderner Nachhaltigkeit. Ihre Reise beginnt vor 400 Jahren und holt uns im Heute ab. Tanja Möderscheims Stillleben, die sie mit Techniken und Pigmenten des 17. Jahrhunderts verwirklicht, entführen in eine längst vergangene Zeit und sind dabei höchst aktuell.

Die Zeiten ändern sich. Davon ist Tanja Möderscheim überzeugt. „Das Pendel schwingt gerade vom Wegwerfdenken einer an Massenproduktion gewöhnten Gesellschaft hin zur Nachhaltigkeit“, versichert die niederländische Malerin, die in London ihre neue Heimat gefunden hat. Und diese Worte betreffen auch sie ganz persönlich. „Seit zehn Jahren entdecke ich alte Werte neu, lerne das zu schätzen, was mit besonders großer Sorgfalt gefertigt wurde“, sagt die Frau, die mit ihren Jagdstillleben gekonnt die Ruhe einfängt und den Betrachter gebannt verharren lässt. Die Menschen sehnen sich nach dem Schönen. Nach dem, was – trotz aller Vergänglichkeit – bleibt, erfreut und Stabilität verleiht.

Dass ihre Inspiration gerade auf das 17. Jahrhundert zurückgeht, ist kein Zufall. Denn damals standen die Niederlande schon einmal vor einem Wendepunkt. De Gouden Eeuw, das Goldene Zeitalter, katapultierte das Land in einen Zustand nie zuvor gekannten Reichtums, der die Lust an Überschwänglichkeit beflügelte, bei den Calvinisten zugleich aber auch die Rückbesinnung auf althergebrachte Werte und das Bewusstsein der Vergänglichkeit leichtlebigen und luxuriösen Daseins mit sich brachte. Alles geriet in Bewegung: Die Vereinigte Ostindische Kompanie (VOC) zog zahlreiche Einwanderer an. Der Handel florierte. Städte und Häfen wuchsen, wovon noch heute malerische Kanäle, prunkvolle Kaufmannshäuser, Lagerhäuser und herrliche Stufengiebel zeugen. Die Künste und Wissenschaften profitierten in hohem Maße vom goldenen Rausch. Rembrandt van Rijn, Frans Hals, Jan Vermeer und Jan Havickszoon Steen schufen in dieser Zeit Werke, die das Renommee der niederländischen Meister zeitlos machten. Und es war auch die Hochzeit der Stillleben, die Tanja Möderscheim heute so sehr beflügeln und die studierte Biologin und Neurophysiologin dazu bewegten, ihren Beruf in der Pharmaindustrie aufzugeben und sich voll und ganz der Malerei von Stillleben zu widmen.

Stillleben – Vergänglichkeit und Lebenslust

Natürliche und künstliche Objekte, immer wieder anders angeordnet und kombiniert, stehen im Fokus der Stillleben- Malerei. Wobei es nicht nur um die bildliche Darstellung, sondern auch um eine malerische und moralische Interpretation geht. Vielfalt prägt die Welt der Stillleben, in der es unterschiedliche Gattungen gibt: Jagdbeute, Fische, Muscheln und Perlen, Blumensträuße, gedeckte Tafeln, Raritäten, prunkvolle Objekte und Vanitas – im Zeichen von Vergänglichkeit und Tod. Letzteres ist sogar mitunter Bedeutungsschwerpunkt dieser Bildgattung der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts, die Tanja Möderscheim so sehr inspiriert, wobei die 46-Jährige ihren persönlichen Fokus auf die Schönheit und nicht auf die Vergänglichkeit setzt: „Mich fasziniert die Schönheit der Vögel: Ich verleihe ihnen eine gewisse Würde und umgebe sie mit Stille.“ Der Betrachter soll sich auf ihre Schönheit und Großartigkeit konzentrieren. Er sieht sich mit der Vergänglichkeit konfrontiert und erfährt gleichzeitig eine Aufmunterung, sich an den schönen Dingen des Lebens zu erfreuen, und diesen dürfen gerne auch Opulenz und Luxus innewohnen. Das trifft auch auf die Jagdstillleben zu, bei denen erlegtes Wild und jagdliche Accessoires die Blicke auf sich ziehen. Angeführt von den an Virtuosität, Detailtreue und Kompositionsperfektion unübertroffenen Werken des Antwerpener Meisters Frans Snyders, der zeitweise auch mit Rubens arbeitete. Seine meist großformatigen Jagdszenen waren begehrt beim europäischen Adel. Viele seiner Werke befinden sich nach wie vor in Privatbesitz und sind damit der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Auch sein Schüler Jan Fyt erlangte mit seinen Jagdstillleben bis heute währenden Ruhm.

Willem van Aelst und Rachel Ruysch

Zwei weitere Größen des Goldenen Zeitalters dienen Tanja Möderscheim als Inspiration. Wenn es um Jagdstillleben des 17. Jahrhunderts geht, steht Willem van Aelst an erster Stelle. Ferdinand II. de’ Medici, Großherzog der Toskana, beschäftigte ihn als Hofmaler, seine detailgetreuen Darstellungen von Federn gelten noch heute als beispiellos. Van Aelst ist eines der geschätzten Vorbilder Tanja Möderscheims und ebenso seine Schülerin Rachel Ruysch: Sie ist eine der wenigen Frauen, die als Malerin im 17. Jahrhundert überzeugte, und gleichzeitig ein wertvoller Quell der Inspiration für die niederländische Malerin.

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