Tiermaler und Großwildjäger

| Text: Dr. Rolf D. Baldus |

Der Tiermaler Wilhelm Kuhnert hat mit seinen Bildern der afrikanischen Natur, insbesondere ihrer Tierwelt, das Afrikabild während der Kolonialzeit maßgeblich geprägt. Die Ausstellung seiner Werke hat jedoch auch Kritiker auf den Plan gerufen.

Die Schirn Kunsthalle Frankfurt hat kürzlich eine Retrospektive des Tiermalers Wilhelm Kuhnert gezeigt. Im Ausstellungskatalog bezeichnet Herausgeber Dr. Philipp Demandt die Großwildjagd Kuhnerts als „befremdlich“ und nennt sie in einem FAZ-Interview in einem Atemzug mit der Verstrickung von Künstlern in den Nationalsozialismus oder sexuellen Missbrauch. Dr. Bernhard Gißibl, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz, schreibt im Katalog von der für Kuhnerts Schaffen „elementaren“ Großwildjagd als einer „zentrale[n] Herrschaftspraxis des kolonialen Alltags“. Wilhelm Kuhnerts Kunst müsse man als eine Art Jagdtrophäe, als Ausdruck „imperialer Männlichkeit“ begreifen.

Offenbar ahnte Kuhnert nichts von alledem, was man ihm eines Tages andichten würde, sondern für ihn war Jagd einfach Passion, der er mit Freude nachging. Auch ohne Passion hätte er jagen müssen. Die ganze Safarimannschaft musste mit Fleisch versorgt werden. Ohne regelmäßige Fleischversorgung hätten die Träger bald gemeutert, und das hat sich bis in unsere Tage erhalten, wenn in den ausgedehnten Wildreservaten die Warden mit Rangern und Trägern auf Safari gingen. Für manche Helfer war früher das Wildbret, das es auf Safari zu essen gab, mehr Anreiz mitzukommen als das gezahlte Gehalt. Und dann kam bei Kuhnert noch hinzu, dass das frisch erlegte Wild ihm Modell liegen musste. Aus der Nähe konnte er sich jedes Detail des Wildkörpers einprägen und auf Papier oder die Leinwand bannen.

Wenn man sein Buch „Im Lande meiner Modelle“ liest, dann bekommt man den Eindruck eines waidgerechten Jägers, der bewusst jagt, sich an die Vorschriften hält, krankgeschossenes Wild nachsucht und der aufgrund seiner praktischen Beobachtungen bald anfängt, über den notwendig werdenden Wildschutz nachzudenken. Für Jagdtouristen, die in kurzer Zeit eine möglichst hohe Strecke zusammenschießen wollen, hat er kein Verständnis, genauso wenig wie für die kommerziellen Elfenbeinjäger.

Um sein Jagen zu beurteilen, ist es sinnlos, dies aus der heutigen Perspektive im Vergleich mit einer gegenüber damals verhundertfachten Bevölkerung, unendlichen Verkleinerung der Wildnisgebiete sowie explodierenden Wilderei zu tun. Man muss dazu vielmehr die damaligen Verhältnisse heranziehen. Der Elfenbeinhandel hatte die Elefanten bereits erheblich dezimiert, als die Deutschen 1885 ihr Protektorat einrichteten. An die 1 500 Elefanten und über 2 000 Nashörner wurden jährlich von europäischen und afrikanischen Elfenbeinjägern abgeschossen, und für den Abschuss von Löwen, Leoparden und Hyänen wurden Prämien bezahlt, als Kuhnert seine ersten beiden Safaris durchführte. Die Kolonialverwaltung begann schon 1891 damit, erste Wildschutzbestimmungen zu erlassen. Doch es sollte noch 20 Jahre dauern, bis der kommerzielle Elefantenabschuss verboten wurde. Es waren Jäger wie Gouverneur Hermann von Wissmann, die sich um den Schutz des Wildes frühzeitig kümmerten. Für die meisten Politiker, Kolonialbeamten und für die Siedler ohnehin waren die wilden Tiere nur Schädlinge, die der wirtschaftlichen Entwicklung im Wege standen und nach Möglichkeit ausgerottet werden sollten.

Kuhnert war ein ausgesprochen mutiger Jäger. Er erzählt von haarsträubenden Fast-Unfällen mit allerlei Großwild, erweist sich aber als durchaus geschickter Nimrod. Meistens jagt er allein, ohnehin können ihm seine einheimischen Begleiter nur als Fährtensucher behilflich sein. Der Abschuss eines Löwen, also der von ihm besonders häufig gemalten Tierart (daher auch sein Spitzname „Löwen-Kuhnert“), gelingt ihm erst auf seiner vierten Expedition 1911/12. Weder bezüglich der Menge des erlegten Wildes noch hinsichtlich seiner Art zu jagen kann man ihm begründete Vorhaltungen machen, soweit man aus dem vorhandenen Material schließen kann. Auch hier treffen seine Kritiker nicht ins Schwarze.

Kuhnert – der Malerfürst

Über Kuhnerts künstlerisches Schaffen wissen die Autoren Prof. Dr. Felicitas Becker (Universität Gent) und Dr. Bernhard Gißibl im Katalog der Ausstellung wenig zu berichten – außer, dass Kuhnert an Misanthropie gelitten haben müsse, denn schließlich habe er ja nur Tiere gemalt und keine Menschen.

Na ja, er war schließlich Tiermaler und malte Löwen lieber als Zweibeiner. Allerdings kennen die beiden Kolonialexperten offenbar Kuhnerts Werk nur ungenügend, denn er hat in Wirklichkeit auf seinen Expeditionen oft Menschen mit Bleistift oder Pinsel porträtiert. Seine Zeichnungen und Gemälde des Gottesdienstes in der Missionskirche Madibira legen beredtes Zeugnis hierfür ab.

Selbst rund ein Fünftel der in der Schirn Kunsthalle ausgestellten Werke zeigt Menschen. Aber Kuhnert, ganz Menschenfeind, verherrliche auch die Tierwelt und zeichne ein höchst selektives Bild. Auf die komplexen Beziehungen zwischen den Menschen und den oft als Schädlinge empfundenen Wildtieren ginge Kuhnert gar nicht ein, so Becker. Sie hat teilweise Recht, insofern es dem Künstler in der Tat nicht gelungen ist, mit seinen Gemälden auch gleichzeitig noch eine soziologische Analyse vorzulegen.

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