Voll gestresst! Vertrauen und Entspannung machen Hunde stark

| Text: Gabriele Metz |

Stress gehört zum Leben, das betrifft Menschen und Hunde gleichermaßen. Wobei Stress nicht immer nur schädlichen Einfluss nimmt. Angemessene Herausforderungen und dosierte Belastungen vermögen durchaus auch Gutes zu bewirken. Echter Stress jedoch macht tatsächlich krank. Wir wollten wissen, wann sich Stress negativ auf unsere Vierbeiner auswirkt und wie Hundeführerinnen und -führer damit umgehen sollten. Antworten fanden wir bei Dr. Udo Gansloßer, Privatdozent für Zoologie an den Universitäten Greifswald und Jena, der zahlreiche Forschungsprojekte über Haushunde und Wildhundartige betreut.

Was verursacht bei Hunden Stress?

Stress findet immer im Kopf statt. Die Frage kann also allein in Deutschland neun Millionen verschiedene Antworten haben. Im Ernst: Der britische Tierschutzforscher Donald Broom definiert Stress so, dass das Anpassungssystem eines Tieres überfordert ist und dadurch schädliche Konsequenzen für Gesundheit und/oder Fortpflanzung eintreten. Alles andere ist Stimulation, Aufregung, Herausforderung oder Ähnliches.

Welches sind die häufigsten Stressanzeichen bei Hunden?

Wir sehen zum Beispiel u-förmige Maulwinkel, eine eingeknickte Körperhaltung, die Rute deutlich unter der Rückenlinie getragen bis eingeklemmt, Aufstellen der Nackenhaare, Hecheln, aber auch Hyperaktivität, Rückzug, viele Übersprungshandlungen (Kratzen, Schütteln, Lefzenlecken etc.).

Wie gehen Hunde mit Stress um?

Es fällt ihnen schwer. Denn – wie oben bereits erwähnt – ist Stress ja definitionsgemäß etwas, womit man nur schlecht umgehen kann. Dennoch versuchen sie es, und zwar – je nach Persönlichkeit – auf unterschiedliche Weise: Aktive Typen gehen auf den stressauslösenden Faktor zu, versuchen durch Angriff oder Flucht die Belastung zu beseitigen, passive Typen ziehen sich zurück und versuchen es durch sogenanntes inneres Coping, also eine Art innere Anpassung, indem sie ihre Erwartungen so weit reduzieren, dass diese in die Umwelt passen. Aktive Typen dagegen versuchen die Umwelt an ihre Erwartungen anzupassen. Auch die Frage, ob der Hund Optimist oder Pessimist ist, sagt etwas über die jeweilige Reaktion aus.

Können wir unserem Hund helfen, Stress zu bewältigen?

Ja. In der Situation selbst erfolgt das vor allem durch Führkompetenz, Empathie, Anerkennen des hundlichen Problems samt Aufzeigen einer Lösung, klare Übernahme der Verantwortung für die Lösung des Problems, wie es Leittieren zukommt. In der Lebensgeschichte vor allem dadurch, dass wir Welpen und Junghunde selbstsichere, auf ihre Selbstwirksamkeit vertrauende, emotional stabile Tiere werden lassen. Das erzielen wir durch autoritative Erziehung (weder Drill noch Wattebausch), viele selbst verschaffte Erfolgserlebnisse und den Aufbau einer stabilen Bindung.

Ist Stress immer etwas Negatives für den Hund, oder kann er auch motivierend wirken?

Nach obiger Definition ist Stress immer etwas Negatives. Milde Belastung dagegen kann beim Lernen durchaus förderlich sein, sofern

a) sie der Persönlichkeit des individuellen Azubis angemessen ist,

b) der Hund die Möglichkeit hat, auf selbst gefundenen Lösungswegen in seiner optimalen Geschwindigkeit zum Ziel zu kommen.

Beim Abrufen von bereits Gelerntem dagegen blockiert Stress meistens nur, wie alle diejenigen von uns wissen, die schon einmal eine Prüfungspsychose erlebt haben.

Welche Auswirkungen hat Stress auf Hunde?

Je nach Persönlichkeitstyp zum Beispiel Verhaltensprobleme (Depression, erlernte Hilflosigkeit, Stereotypien, Hyperaktivität), Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Untergewicht, Stoffwechselkrankheiten, Muskelabbau, Anfälligkeit für Parasiten etc.

Empfinden Hunde Stress in verschiedenen Lebensphasen unterschiedlich?

Definitiv. In der Welpen- und Junghundezeit sowie als Senioren sind sie deutlich anfälliger. Denken Sie bei diesen Phasen an die alte Jägerregel: Drei Jahre junger Hund, drei Jahre guter Hund, drei Jahre alter Hund. In der Tat trifft das, auch wenn viele Senioren heute älter werden, die Lebensgeschichte ganz gut.

Gibt es auch Hunde, die durch Stresseinwirkung lebenslang traumatisiert sind?

Definitiv. Entweder durch lang andauernde Probleme, Vernachlässigung in der Jugend oder durch besonders schwere, nicht zu bewältigende Ereignisse. Extremfälle werden derzeit zum Beispiel an Veteranenhunden der Militäreinsätze in Afghanistan oder im Irak bekannt.

Wie kann man betroffenen Hunden helfen?

Wie gesagt, gerade hier steht und fällt alles mit der Führkompetenz des Menschen. Und es kommt aufs Alter des Hundes an, in dem man beginnt gegenzusteuern. Und darauf, mit Entspannungsmanagement ganz viel Vertrauen und Beziehung aufzubauen, bevor man anfängt, ihm bei der Arbeit zu viel abzuverlangen.

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