Wald von heute, Wald von morgen – ein Wechselspiel von Politik, Waldbau und Jagd

| Text: Dr. Johanna Maria Arnold und Dr. Janosch Arnold |

Um des Deutschen liebstes Kind, den Wald, ist es nicht gut bestellt. Das zeigt der aktuelle Waldzustandsbericht der deutschen Bundesregierung. Klimawandeleffekte wie Dürren, Stürme, Borkenkäferbefall und Waldbrände haben dem Wald besonders in den letzten fünf Jahren zugesetzt. Nur gemeinsame Anstrengungen und eine offene Kommunikation können Lösungen für die vielfältigen Herausforderungen ermöglichen. Dabei geht es schon lange nicht mehr um „Wald vor Wild“ oder „Wild vor Wald“, sondern vielmehr um „Wald und wir – alle für einen und einer für alle“, denn unter der Entwaldung und ihren Folgen haben wir alle im selben Maße zu leiden.

Der schöne Wald und seine vielen Funktionen

Die Waldschäden sind so hoch wie nie. Und das in Zeiten, in denen der Wald fit gemacht werden muss, um auch zukünftig den Klimawandeleffekten standzuhalten. Denn wir brauchen den Wald, auf allen Ebenen. Und der Wald steht unter Druck: Er soll nicht nur Holz- und Nicht-Holzprodukte liefern, sondern neben Sauerstoff auch Trinkwasser bereitstellen, Kohlenstoff binden und den Boden vor Erosion schützen. Er soll die Lebensgemeinschaft im Wald erhalten, Klein- und Kleinstlebensräume sowie Äsung und Deckung für vielerlei Tierarten bieten. Nebenbei wollen sich die Menschen im Wald erholen und Natur erleben, der eine ruhiger, der andere in eher sportlicher Hinsicht – das Waldbaden und Mountainbike-Trails boomen. Und was ein „schöner Wald“ ist, daran scheiden sich die Geister. Denn unaufgeräumtes Umherliegen von Totholz oder Abraum ist dem einen ein Dorn im Auge, für den anderen gilt es als Biodiversitäts-Treiber (siehe dazu auch den wissenschaftlichen Artikel „Totholz fördert Leben“ auf Seite 36), aber auch der „Fichtenacker“ ist mittlerweile in der Bevölkerung als unnatürlich verpönt.

Der Wald spielt beim Klimaschutz eine wichtige Rolle: Er speichert als Kohlendioxidsenke das den Klimawandel anheizende Kohlendioxid (Wellbrock et al. 2014, Song et al. 2019), dies allein kann aber den Klimawandel nicht stoppen. Die Forstwirtschaft hat also eine hohe Verantwortung, wenn es darum geht, die Waldbestände zu bewirtschaften und auch die Effekte des Klimawandels abzupuffern. Das hat u. a. der Wissenschaftliche Beirat für Waldpolitik (WBW) in seinem Klimaschutzgutachten festgestellt. Darin steht ferner, dass die Treibhausgas-Emissionen für Deutschland ohne das System Wald-Forst-Holz-Verwendung um 14 % höher wären. Auch der Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung betont die Leistungen bewirtschafteter Wälder, drängt aber gleichzeitig darauf, mehr Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft zu beziehen (AFZ-Der Wald 2019).

Der Wald als Rohstofflieferant

Die Gesellschaft ist hin- und hergerissen, was eine gute Försterin, einen guten Förster ausmacht. Alles sich selbst überlassen oder die Weichen für die Zukunft stellen, das ist hier die Frage. Fakt ist, die Nachfrage nach Rohholz und Energieholz steigt stetig. Die Preise und Lieferzeiten klettern nach oben. Das liegt aber nicht an der Holzarmut der deutschen Wälder, sondern an der Exportsituation: Immer mehr Holz aus Deutschland wird ins Ausland verkauft. Hauptabnehmer sind China und die USA, und diese Länder zahlen sehr hohe Summen an die Sägewerke, bei gleichzeitig geringeren Qualitätsanforderungen. Aber auch Nachbarländer wie Österreich oder Belgien kaufen Holz in Deutschland ein. Das führte zu Lieferfristen von bis zu einem halben Jahr. Von 2015 bis 2020 stieg der Verkauf ins Ausland um mehr als das Dreifache. So exportierte Deutschland rund 12,7 Mio. m³ im Jahr 2020, ein Zuwachs von 42 % im Vergleich zu 2019. Besonders der Bauboom während der Coronapandemie steigerte die Nachfrage aus dem Ausland: Besonders beliebt sind vor allem Nadelhölzer wie Fichte (Picea abies) oder Tanne (Abies alba). Das führte zu Rohstoffmangel und Extrempreisen in Deutschland, die Schnittholzpreise wurden auf den Endverbraucher abgewälzt. Die Nachfrage bestimmte das Angebot, kostete ein Festmeter Fichte kurz zuvor noch um die 30 Euro, stieg der Preis bis auf rund 90 Euro. Gerade beim Konstruktionsholz war das deutlich spürbar (Epoch Times 2021).

Den starken Exporten im Jahr 2020 stand ein hohes Angebot gegenüber. Denn in Deutschland wurden so viele Bäume gefällt wie nie zuvor. Aufgrund der vermehrten Waldschäden infolge von Trockenheit und Dürren, die nachfolgend Baumschädlinge begünstigten, wurden 80,4 Mio. m³ Holz eingeschlagen. Im Jahr 2021 waren es 83,0 Mio. m³ (Statistisches Bundesamt 2022), allerdings war der Schadholzanteil nicht mehr so hoch wie im Vorjahr, in dem der Schadholzeinschlag aufgrund von Insektenschäden mehr als die Hälfte (ca. 54 %) ausmachte. Deutschland ist eines der holzvorratsreichsten Länder der Europäischen Union – der Holzvorrat betrug im Jahr 2017 rund 3,9 Mrd. m³ oder 358 m³ pro ha Wald, ein historischer Höchststand (6 % mehr als im Jahr 2012). Besonders hoch sind die Holzvorräte in den Klein- und Kleinstprivatwäldern. Besonders hohe Vorratsbestände finden sich in stärkeren Baumklassen ab 50 cm Brusthöhendurchmesser (BHD). Auch der Totholzvorrat stieg zwischen 2012 und 2017 um 14 % auf 22,4 m³ pro ha an. Der Holzzuwachs ist mit 10,9 m³ pro ha Waldfläche und Jahr weiterhin hoch, hat sich aber gegenüber dem Zeitraum 2002 bis 2012 um 5 % reduziert (BMEL 2022).

 

Der deutsche Wald und die Hauptbaumarten

Nicht nur in Sachen Holzvorrat hat Deutschland die Nase vorn, auch der Waldflächenanteil ist einer der höchsten in Europa. Rund 32 %, das entspricht 11,4 Mio. ha (114 000 km2), sind mit Wald bestockt. Seit 1990 wurde die Waldfläche um mehr als 200 000 ha vergrößert. 48 % des Waldes ist in Privateigentum, und 19 % gehören den Kommunen, 29 % sind Eigentum der → Länder, und der Bund hat Anteil an 4 % Wald. Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland rund 1,8 Mio. Waldbesitzerinnen und -besitzer. Die allermeisten besitzen einen Kleinstprivatwald mit einer durchschnittlichen Fläche von 2,5 ha (BMEL 2022).

In Deutschlands Wäldern dominieren vier Baumarten: Nadelbäume wie die Fichte (Picea abies) oder die Waldkiefer (Pinus sylvestris) finden sich auf 25 bzw. 23 % der Fläche, und Laubbäume wachsen auf 45 % der Waldfläche, wobei die Buche (Fagus sylvatica) mit 16 % und die Eiche (Quercus) mit 10 % vertreten sind (Thünen-Institut 2019). Der Laubholzanteil steigt stetig in geringeren Prozentanteilen an, und der Großteil der Waldflächen besteht aus Mischwäldern (Laub- und Nadelholzarten gemischt).

Die Waldschäden der letzten Jahre

Die Erhöhung des Laubholzanteiles war lange Zeit die Hoffnung im Waldumbau, um die Wälder widerstandsfähiger gegenüber den Effekten des Klimawandels zu machen. Aber auch die Hoffnungsarten wie Buchen oder Eichen schwächeln bei lang anhaltender Trockenheit und Dürren. Der aktuelle Waldzustandsbericht der deutschen Bundesregierung zeigt es deutlich: Die Waldschäden stiegen markant. Die Ergebnisse der Waldzustandserhebung des Jahres 2020 zählten zu den besorgniserregendsten seit Beginn der Erfassungen in 1984. Noch nie zuvor waren so viele Bäume abgestorben wie 2020, hauptsächlich die Fichte auf mit Wasser schlecht versorgten Standorten war betroffen. Fast alle Hauptbaumarten wiesen Vitalitätseinbußen oder Schadsymptome auf, und vier Fünftel der Bäume hatten lichte Kronen, insbesondere die Fichte ist betroffen. Bei der Buche waren nur noch 12 % der Bäume ohne Kronenverlichtung. Schadensursachen waren die starken Stürme in den Jahren 2017 und 2018, die starke Dürre mit ihren Hitzewellen in den Jahren 2018 bis 2020 sowie die anschließende massenhafte Vermehrung von Borkenkäfern (vor allem des Buchdruckers, Ips typographus, aber auch andere Arten). Weiterhin zunehmend sind Waldbrände, die aufgrund extremer Dürre und warmer Sommer teils auf größerer Fläche entstehen können. Allein in 2018 brannten rund 2 350 ha und ein Jahr später bereits 2 710 ha Waldfläche. Insbesondere die von Kiefern geprägten Wälder Brandenburgs und Mecklenburg-Vorpommerns hatten mit Waldbränden zu kämpfen.

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) startete Ende 2020 in den Bundesländern zu den Waldschäden und angefallenen Schadholzmengen eine Abfrage. Folgendes ergab sich für die Jahre 2018 bis 2020: Es fiel ein Schadholzanteil in Höhe von 170,6 Mio. m³ an, davon entfielen 156,5 Mio. m³ auf das Nadelholz und 14,1 Mio. m³ auf das Laubholz. Schadensschwerpunkte lagen in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Hessen, Baden-Württemberg, Niedersachsen, Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Damit waren ca. 16 % des in der Bundeswaldinventur 2012 (BWI 2012) ermittelten Fichtenvorrats als Kalamitätsholz angefallen. Die Abfrage ermittelte eine geschädigte Waldfläche von 277 000 ha, die nun wiederzubewalden ist. Potenziale der Naturverjüngung und dynamische Waldentwicklung können genutzt werden, aber dennoch entstand eine riesige Nachfrage an Pflanzmaterial und Saatgut.

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