Wildtiere im Takt der Zeit

| Text: Dr. Johanna Maria Arnold und Dr. Janosch Arnold |

Zeit ist eine der grundlegenden Dimensionen des Lebens. Sie bestimmt, wann Tiere aktiv werden, Nahrung aufnehmen, sich fortpflanzen oder Ruhephasen einlegen. Für Wildtiere ist dabei nicht nur entscheidend, was sie tun, sondern ebenso, wann sie es tun. Der richtige Zeitpunkt entscheidet über Fortpflanzungserfolg, Energiehaushalt und letztlich über das Überleben. Timing ist daher kein Zufall, sondern das Ergebnis von Millionen Jahren Evolution.

Wer regelmäßig im Revier unterwegs ist, kennt viele zeitliche Muster: Rehe erscheinen zur Abenddämmerung auf den Wiesen, Rothirsche brunften im Herbst, Kraniche ziehen im Oktober gen Süden, und Feldhasen werden in lauen Frühlingsnächten besonders aktiv. Was wie selbstverständlich wirkt, ist Ausdruck hochkomplexer biologischer Steuerung. Innere Uhren synchronisieren Verhalten und Stoffwechsel mit den regelmäßigen Veränderungen der Umwelt und helfen Wildtieren, Energie effizient einzusetzen. Tag und Nacht sowie die Jahreszeiten bilden seit der Entstehung des Lebens den zeitlichen Rahmen biologischer Prozesse. Über evolutionäre Zeiträume entwickelten Tiere Mechanismen, die Verhalten und Physiologie an diese wiederkehrenden Muster anpassen (Aschoff 1981, Dunlap et al. 2004).

Mit diesen biologischen Zeitstrukturen beschäftigt sich die Chronobiologie. Sie untersucht die Entstehung biologischer Rhythmen und ihre Synchronisation mit der Umwelt durch sogenannte Zeitgeber (Dunlap et al. 2004, Hazlerigg & Wood 2026). Dabei unterscheiden sich Rhythmen nach ihrer zeitlichen Skala hinsichtlich des Jahres- oder Tagesverlaufs. Diese inneren Uhren bestimmen das Verhalten jedoch nicht allein. Temperatur, Niederschlag, Nahrung, Konkurrenz, Prädationsrisiko und menschliche Störungen beeinflussen, wann Tiere aktiv sind. Forschungsmethoden wie GPS-Telemetrie, Beschleunigungssensoren und Wildkameras zeigen, dass Wildtiere ihre Aktivitätsmuster flexibel anpassen und Kosten sowie Nutzen verschiedener Verhaltensweisen abwägen.

Gerade in der Kulturlandschaft gewinnt die zeitliche Dimension zunehmend an Bedeutung. Freizeitgestaltung, Verkehr, künstliche Beleuchtung und andere menschliche Einflüsse verändern die Nutzung von Lebensräumen; viele Säugetiere verlagern ihre Aktivität in die Nachtstunden (Gaynor et al. 2018, Lee et al. 2024). Gleichzeitig verschiebt der Klimawandel saisonale Abläufe und kann die Abstimmung zwischen Arten und Umwelt beeinträchtigen (Visser & Gienapp 2019). So verlegen Wildtiere beispielsweise ihre Aktivitäten in die kühleren Abend- und Nachtstunden (Burton et al. 2015). Das Verständnis biologischer Rhythmen zeigt daher nicht nur, wo Wildtiere leben, sondern auch, wann sie ihre Lebensräume nutzen. Zeit ist damit für Wildtiere weit mehr als der Rahmen ihres Lebens – sie ist eine ökologische Ressource. Wie Nahrung oder Lebensraum entscheidet auch sie über Energiegewinn, Fortpflanzungserfolg und letztlich über die Fitness eines Individuums. Diese zeitliche Dimension ist heute ein wichtiger Bestandteil moderner Wildtierökologie – und von großer Bedeutung für Jagd, Wildtiermanagement und Naturschutz.

Die biologische Uhr – wie Wildtiere Zeit messen

Wildtiere besitzen weder Uhren noch Kalender und folgen dennoch erstaunlich präzise zeitlichen Abläufen: Rehe werden zu bestimmten Tageszeiten aktiv, Rothirsche brunften im Herbst, Zugvögel ziehen nahezu taggenau, und Braunbären beginnen ihre Winterruhe oft vor dem ersten Schnee. Grundlage dieser Muster sind innere biologische Uhren.

Lange nahm man an, Tiere würden ausschließlich auf äußere Reize reagieren. Erste Studien zeigten jedoch, dass viele biologische Rhythmen auch unter konstanten Bedingungen bestehen bleiben (Aschoff 1965, Pittendrigh 1993). Tiere verfügen somit über eigene „Zeitprogramme“, die wiederkehrende Abläufe steuern. Biologische Rhythmen wirken auf unterschiedlichen Zeitskalen: Ultradiane Rhythmen strukturieren kurze Abläufe wie Äsungs- und Ruhephasen (< 24 h), circadiane Rhythmen den Tagesverlauf (~ 24 h) und circannuale Rhythmen saisonale Prozesse wie Brunft, Vogelzug oder Winterruhe (Takahashi 2017). Bei Säugetieren beruhen viele dieser saisonalen Programme auf hormonellen Steuerungen, die den Jahresverlauf im Organismus abbilden (Bronson 1989, Reppert & Weaver 2002). Die biologische Uhr ist jedoch kein starres Programm. Sie gibt den zeitlichen Rahmen vor, innerhalb dessen Tiere flexibel auf ihre Umwelt reagieren. Auch Individuen derselben Art können unterschiedliche Aktivitätsmuster zeigen – sogenannte Chronotypen, die inzwischen bei zahlreichen Vogel- und Säugetierarten beschrieben wurden (Helm et al. 2017). Heute ist bekannt, dass die biologische Uhr nicht nur in einer einzelnen Hirnregion sitzt. Zwar koordiniert der suprachiasmatische Nukleus im Hypothalamus als zentrale Master Clock den Tagesrhythmus des Organismus, gleichzeitig besitzen nahezu alle Organe und sogar einzelne Körperzellen eigene molekulare Uhren. Diese steuern unter anderem Stoffwechsel, Immunabwehr, Hormonhaushalt und Zellteilung und werden täglich durch Licht sowie andere Zeitgeber mit der zentralen Uhr synchronisiert. Die Chronobiologie untersucht daher längst nicht mehr nur das Verhalten von Tieren, sondern auch die zeitliche Organisation nahezu aller biologischen Prozesse (Partch et al. 2014, Takahashi 2017). Diese Verbindung aus zeitlicher Präzision und Anpassungsfähigkeit macht biologische Rhythmen zu einem wichtigen evolutionären Vorteil: Sie ermöglichen Wildtieren, wiederkehrende Veränderungen vorherzusehen und gleichzeitig auf kurzfristige Herausforderungen zu reagieren (Perotto et al. 2025).

 

Zeitgeber der Natur – wie Wildtiere ihre innere Uhr mit der Umwelt synchronisieren

Damit innere Zeitprogramme mit der tatsächlichen Umwelt übereinstimmen, benötigen Wildtiere äußere Signale. Diese sogenannten Zeitgeber synchronisieren biologische Rhythmen mit den realen Tages- und Jahreszyklen (Aschoff 1965). Der wichtigste Zeitgeber ist das Licht. Besonders die Tageslänge (Photoperiode) liefert ein zuverlässiges Signal für den Jahresverlauf und steuert langfristige Prozesse wie Fortpflanzung, Fellwechsel, Geweihentwicklung oder Vogelzug (Reppert & Weaver 2002, Lincoln et al. 2006). Deshalb werden viele dieser saisonalen Prozesse bereits lange vor den tatsächlichen Umweltveränderungen vorbereitet.

Da sich die Photoperiode astronomisch exakt verändert, ist sie ein verlässlicherer Kalender als Temperatur oder Niederschlag. Neben der Tageslänge kann auch das Mondlicht das Verhalten vieler Wildtiere beeinflussen. Anders als die Photoperiode liefert die Mondphase keinen Kalender für den Jahresverlauf, verändert jedoch die nächtliche Helligkeit erheblich. Für viele Beutetiere steigt in hellen Vollmondnächten das Risiko, von Prädatoren entdeckt zu werden. Zahlreiche Arten reduzieren deshalb ihre Aktivität oder verlagern sie in die zweite Nachthälfte (Daly et al. 1992, Kotler et al. 1991). Andere Arten profitieren dagegen von den besseren Sichtverhältnissen und intensivieren ihre Nahrungssuche oder Jagd (Packer et al. 2011). Wie stark der Mond das Verhalten beeinflusst, hängt jedoch von der jeweiligen Art, dem Lebensraum, der Bewölkung und dem Prädationsdruck ab. Während manche Studien deutliche Effekte nachweisen, zeigen andere nur geringe oder regionale Unterschiede (Prugh & Golden 2014, Griffin et al. 2005).

Sie finden den Artikel spannend und möchten ihn gern weiterlesen?
Dann lohnt es sich, das ganze Heft zu kaufen.