Wipfelstürmer, Gleitflieger und Erdbeweger

| Text: Gabriele Metz |

Niemand bietet mehr Vielfalt als sie. Zumindest innerhalb der Familie der Nagetiere: Hörnchen. Weltweit leben rund 270 Arten, und jede einzelne ist in ihrer Form und Farbgebung einzigartig. Zwerghörnchen sind die kleinsten, Murmeltiere die größten Vertreter. In Deutschland ist das Eichhörnchen ganz klar die Nummer eins, wenn es um Beliebtheit geht, und das ist schon seit Jahrhunderten so.

Teufelswerk, Künstlermuse oder gar Haustier? Sicher ist jedenfalls eines: Hörnchen (Sciuridae) sind Nagetiere und gehören zur Klasse der Säugetiere (Mammalia). Man unterscheidet insgesamt 51 Gattungen und rund 270 Arten. Hörnchen sind überall zu Hause – mit wenigen Ausnahmen: In Australien, Madagaskar, Neuguinea und der Antarktis sucht man sie beispielsweise vergeblich. Ihre Größe variiert von überschaubaren sieben Zentimetern bei einem Fliegengewicht von 15 Gramm bis hin zu stolzen 65 Zentimetern und sechseinhalb Kilogramm. In Europa leben verschiedene Hörnchen: zum Beispiel das Eurasische Eichhörnchen (auch Europäisches Eichhörnchen genannt), das Gleithörnchen, das Murmeltier und der Europäische Ziesel. Die in England, Irland, Italien und der Schweiz lebenden Grauhörnchen sind nicht heimisch. Sie stammen aus den USA und gelangten Ende des 19. Jahrhunderts mit Reisenden nach Europa. Dass der Begriff Hörnchen für die gesamte Nagerfamilie verwendet wird, liegt übrigens an einer Ableitung von der Bezeichnung Eichhörnchen, die auf das 19. Jahrhundert zurückgeht. Und somit verdient es dieses Eichhörnchen, dem die Griechen nachsagten, es nutze seinen buschigen Schwanz als Schattenspender, den Auftakt der nun folgenden kleinen Reise durch die Welt der Hörnchen zu machen.

Teufelswerk?

„Der Teufel ist ein Eichhörnchen!“ – Das besagt der Volksmund. Kaum zu glauben. Denn was soll es bloß Schlechtes geben an diesen zauberhaften Wesen, die aufrecht sitzend Zapfen mümmeln und im Winter possierliche, lange Haarbüschel an den Ohren tragen? Ein Spähtrip in die Historie des Volksglaubens verrät: Die mitunter leuchtend rote Fellfarbe weckt Höllenfeuer-Fantasien. Damit nicht genug: Die außerordentliche Flinkheit des Eichhörnchens, seine geradezu atemberaubende Geschwindigkeit, wenn es von einem Ort zum nächsten wechselt, und seine ständige Geschäftigkeit müssen teuflische Eigenschaften sein.

Während die einen beim Anblick eines Eichhörnchens den heißen Atem des Teufels im Nacken spüren, versetzt es andere in helles Entzücken. Zum Beispiel den deutschen Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe. Sein Herz schlug laut für die flinken Wesen mit den buschigen Schwänzen, für die er überaus liebevolle Worte fand: „Warum gibt uns die Betrachtung unseres heimischen Eichhörnchens so viel Vergnügen? Weil es als die höchste Ausbildung seines Geschlechtes eine ganz besondere Geschicklichkeit vor Augen bringt. Gar zierlich behandelt es ergreiflich kleine appetitliche Gegenstände, mit denen es mutwillig zu spielen scheint, indem es sich doch nur eigentlich den Genuss dadurch vorbereitet und erleichtert. Dies Geschöpfchen, eine Nuss eröffnend, besonders aber einen reifen Fichtenzapfen abspeisend, ist höchst graziös und liebenswürdig anzuschauen.“

Liebling der Maler

Auch die malende Zunft wendet sich leidenschaftlich gerne dem Eichhörnchen zu. So der Nürnberger Maler Albrecht Dürer mit seinem im Jahr 1512 vollendeten Werk, das zwei Eichhörnchen beim Öffnen von Haselnüssen zeigt. Auch das Gemälde „Dame mit Eichhörnchen“ von Hans Holbein dem Jüngeren (1526–1528) oder das den Sündenfall darstellende Werk des flämischen Malers Michiel Coxcie – ebenfalls aus dem 16. Jahrhundert – sind Beispiele hierfür. Während Holbein die Eichhörnchen liebende Lady Anne Lovell mit ihrem favorisierten und im Familienwappen verewigten Haustier zeigt, platziert Coxcie auf seinem Gemälde ein Eichhörnchen zu Evas Füßen und symbolisiert damit den Teufel. Ganz schön polarisierend unsere Eichhörnchen.

Futterzahm

Auch der berühmte Dichter des 19. Jahrhunderts, Friedrich Hebbel, liebte sein Haus-Eichhörnchen und gewährte ihm Narrenfreiheit. Er schreibt: „Wenn du mich jetzt schreiben sähest, würdest du deinen Spaß daran haben. Mein kleines Eichkätzchen will den Brief durchaus nicht zustande kommen lassen. Bald zupft es an der Feder, bald hüpft es über das Papier, und wenn ich das Tintenfass nicht immer zudeckte, würde es gewiss seine Pfötchen hineintauchen und dir ein Autograph mit schreiben.“ Die Zahmheit des Hörnchens verwundert nicht, denn Eichhörnchen gewöhnen sich rasch an den Menschen, wenn er sie mit schmackhafter Nahrung lockt. Dabei vergessen sie durchaus auch schon einmal ihre natürliche Zurückhaltung und belagern Besucher von Parks oder Friedhöfen hemmungslos, um Leckerbissen einzufordern.

Wenn es um die Beschaffung von Nahrung geht, sind Eichhörnchen eben einfach erfinderisch. Sie schleppen sogar Pilze auf Bäume hinauf und trocknen sie dort vor der Einlagerung im Boden. Im Herbst herrscht angesichts massenhaft anfallender Baumfrüchte Hochkonjunktur. Da buddeln die fleißigen Hörnchen, was das Zeug hält, um Bucheckern, Nüsse, Eicheln und andere Leckereien sicher zu verstauen. Gibt es während des Winters Nahrungsengpässe, plündern die Hörnchen ihre Vorratskammern.

Streifgebiete bis zu 30 Hektar Größe

Eichhörnchen (Sciurus vulgaris) leben in Laub-, Nadel- und Mischwäldern, aber auch in Parkanlagen, Zoos und Gärten, wo sie mit ihrer koboldhaften Gestalt, ihren akrobatischen Kletterkünsten und ihrer Fingerfertigkeit schnell viele Fans finden. So sieht man sie oft an Spazierwegen, wo sie Männchen machend auf Futter warten. Dabei treten die tagaktiven Allesfresser – mit einer Vorliebe für pflanzliche Kost – typischerweise gar nicht gehäuft in Erscheinung. Wo immer möglich, lebt durchschnittlich nur ein Hörnchen auf einem Hektar Land. Wobei sich die Streifgebiete auf eine Größe von bis zu 30 Hektar belaufen. Ruhe finden die umtriebigen Eichhörnchen in Kugelnestern, Kobel genannt, oder sie beziehen Baumhöhlen. Dort schlafen sie, nachts und wenn sie tagsüber erschöpft sind, aber sie halten keinen Winterschlaf. Von Januar bis März und von Mai bis August widmen sich Eichhörnchen der Fortpflanzung. Durchschnittlich vier bis fünf Junge bringt ein weibliches Eichhörnchen durchschnittlich pro Jahr zur Welt und säugt den anfangs nackten und blinden Nachwuchs bis zu zehn Wochen. Später entwickeln sich daraus kräftige Hörnchen mit gut gepolsterten Sohlenballen, die aus dem Stand zwei Meter weit springen können. Bis es so weit ist, liegt die Verantwortung jedoch alleinig beim Muttertier. Denn die Verbundenheit mit ihrem männlichen Pendant ist tatsächlich auf nur einen Tag beschränkt. Ein zweiter Wurf kommt nur infrage, wenn der Spätsommer mit ausreichend Zapfen im Wald aufwartet. Zapfen sind übrigens die beste Nahrung für die fleißigen Hörnchen. Nüsse lieben sie zwar auch, allerdings sind diese weniger verträglich als Zapfen. Vor allem dann, wenn sie in großen Mengen im Magen des Eichhörnchens landen.

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