Wohltuende Schönheit

| Text: Gabriele Metz |

Die meisten laufen achtlos an ihm vorbei. Dabei lohnt es sich durchaus, angesichts des Gänsefingerkrauts zu verweilen. Es ist nicht nur wunderschön anzusehen, sondern auch noch heilsam. Das breite Wirkungsspektrum der traditionellen Arzneipflanze ist sogar wissenschaftlich belegt.

Grummelt der Magen oder rebelliert der Darm? Dann könnte das Gänsefingerkraut es womöglich richten. Auf der nördlichen Halbkugel setzt man die traditionelle Arzneipflanze mindestens seit dem Mittelalter in vielen Regionen – außer den arktischen Gebieten – für solche Beschwerden ein. Und nicht nur das: Auch bei Blasenentzündungen, gynäkologischen und urologischen Beschwerden soll die flavonoidhaltige Gerbstoffpflanze ihre heilsame Wirkung entfalten. Tatsächlich gibt es inzwischen sogar pharmakologische Untersuchungen, die den Hintergrund der breit gefächerten Wirkung des überaus verträglichen Krauts beleuchten und erklären. So lindert Gänsefingerkraut leichte Durchfallerkrankungen, weil es Gerbstoffe mit antidiarrhoischem Effekt enthält. Der Magen-Darm-Trakt profitiert von der entzündungshemmenden, zusammenziehenden, antioxidativen und krampflösenden Wirkung. Zur Verarbeitung verwendet man die oberirdischen Teile der Pflanze zur Blütezeit, die sich von Mai bis September erstreckt. Gänsefingerkraut gibt es unter anderem als Trockenkraut, Tee, Kapseln, geschnitten oder auch in Tropfenform oder als Heilsalbe zu kaufen.

Das Gänsefingerkraut trägt seinen Namen übrigens nicht zufällig. Zum einen wächst die auch als Gänserich bekannte Pflanze vorzugsweise auf feuchten Gänseangern, zum anderen verrät die lateinische Bezeichnung etwas über ein weiteres Einsatzgebiet der Potentilla anserina: Potentilla geht auf das lateinische Wort Potentia zurück, das Wirksamkeit bedeutet und auf die hohe Heilkraft der Pflanze verweist. Anser ist die lateinische Bezeichnung für Gans, zu der es ebenfalls einen weiteren direkten Bezug gibt: Früher vermengte man das Kraut mit Kleie, um junge Aufzuchtgänse zu besserem Wachstum und mehr Körperfülle zu verhelfen.

Wiesen, Wegränder, Wälder, Ödplätze, Waldgebiete, Gärten … – das Gänsefingerkraut ist keine wählerische Pflanze und deshalb vielerorts zu finden, sogar in hoch gelegenen Regionen von über 1 500 Metern. Wobei es durchaus Präferenzen gibt, wie beispielsweise lehmige Böden und sonnenverwöhnte Plätze. Oft bildet das vielseitige Kraut teppichähnliche Strukturen am Boden, was einer ganz besonderen Eigenschaft zuzuschreiben ist: An den Knoten der Ausläufer schlägt die Pflanze nochmals Wurzeln, was für die entsprechende Bodenhaftung sorgt. Die Blätter des Gänsefingerkrauts bilden formvollendete Rosetten mit bis zu 21 Fiederblättchen, deren Unterseite eine silbrig weiße seidige Behaarung zieren. Blüten mit jeweils fünf ovalen goldgelben Kronblättern, die herrlich in der Sonne leuchten, krönen die blattlosen Stängel. Genau das richtige Signal für sieben verschiedene Wildbienensorten, die das Gänsefingerkraut als wertvolle Pollenquelle nutzen.

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